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Japser Diedrichsen, Björn Meyer und Johannes Ender, Foto: Rachelle Pouplier

"Der Aufstand gegen die Wirklichkeit"

Das Team von KarlMaySelf (Start off-Sieger 2014) ist zurück am LICHTHOF und reitet weiter durch die Welten wundersamer Wirklichkeit. Diesmal im Zentrum: CERVANTES, Autor von Don Quijote. Aber auch: Theologe, Soldat, Held, Höfling, Kriegsgefangener, Sklave, Verbrecher, Reisender, gefeierter Autor und einsamer, gescheiterter Poet. Zwischen den Mühlsteinen von Cervantes historische Wirklichkeit und fantastischer Imagination erarbeitet das junge Team um Johannes Ender wieder einen Abend voller intelligenter Unterhaltung, der Vergangenes ins Heute holt. Rachelle Pouplier sprach mit dem aufstrebenden Regisseur und den beiden Schauspielern Björn Meyer und Jasper Diedrichsen u.a. über die Bedeutung von Cervantes heute, die Lust am Fantasieren und den Unterhaltungsfaktor zeitgenössischen Theaters.

URAUFFÜHRUNG am Donnerstag, 19. November

LICHTHOF | Warum will man einen 400 Jahre verstorbenen Autor, der vielen unserer Generation gar nicht mal mehr so im Gedächtnis ist, ausgraben und auf die Bühne bringen?


Johannes Ender | Häufig kann man Probleme, Themen, Fragestellungen unserer Zeit sehr gut über einen Abstand erzählen. Bei Dingen, die nah dran sind, hat man oft das Brett vor dem Kopf. Wir haben Cervantes‘ Biografie und die Welt, in der er lebt, angesehen. Es sind etliche Aspekte aufgetaucht, die sehr heutig sind. Zum Beispiel lebt er in einer Zeit, in der sich die Kommunikationsform grundsätzlich verändert hat. Damals war es die Erfindung des Buchdrucks. Heute ist es Facebook, Twitter und das Internet. Dann lebt er in einer Welt, die geprägt ist von dem Konflikt zwischen einer westlichen und einer islamisch-östlichen Welt. Das war ein großer Konflikt- und Reibungspunkt. In Spanien ist wahnsinnig viel darüber geschrieben und diskutiert worden. Wie soll man damit umgehen? Wie ist das Verhältnis der Kulturen zueinander? Es war ein ähnliches Grundproblem wie heute. Dann war es eine Zeit, in der sich für junge gut ausgebildete Leute unendlich viele Möglichkeiten auftaten und sie gezwungen waren zu gucken: Wie finde ich mich? Was ist die eigene Zielrichtung? Damals gab es noch andere Richtungen, wie das Militär und die Kirche. Es gibt viele Anknüpfungsunkte und es ist spannend, dies über einen Umweg und ein entferntes Gestern zu erzählen.

 

Und was faszinierte dich, Anne Rietschel und Jasper Diedrichsen speziell an Cervantes?


Ender | Zu Cervantes sind wir über Jasper und Björn gekommen. Wir haben geguckt welche Männerpaare der Weltliteratur es gibt. Da landeten wir natürlich irgendwann bei Sancho Panza und Don Quijote. Wir haben recherchiert und gemerkt, dass er eine sehr spannende Biografie hat.

 

Jasper Diedrichsen | Eine sehr abenteuerliche Biografie. Er ist so interessant, weil seine Geschichte durch die zeitliche Distanz und diese Abenteuerlichkeit sehr weit weg wirkt, aber auch total heutig.

 

Können wir uns denn heute noch mit Abenteuergeschichten identifizieren? Unsere Generation scheint oft sehr mit sich selbst beschäftigt. Es geht viel um Selbstdarstellung, aber erleben wir eigentlich noch Abenteuer?


Diedrichsen | Das Abenteuer als solches ist natürlich abstrakt. Die wenigsten von uns werden von Seeräubern gefangen genommen. Was die meisten von uns aber doch kennen, ist der Anspruch, kein normales, kein langweiliges Leben zu führen, sondern es soll etwas Besonderes sein. Man will aufregende Reisen erleben, im Ausland studieren, fragt sich: Wie bekomme ich mein Leben möglichst spannend, möglichst aufregend und interessant gestaltet? Es ist eher das, was uns bei Cervantes interessiert hat: Die Suche nach dem Besonderen, dem ausgefallenen Leben. Cervantes stammt aus kleinen Verhältnissen und träumt sich an Königshöfe hinauf. Natürlich gibt es heute die Königshöfe nicht mehr, aber man kennt das Gefühl zu sagen: Gerade weil uns alle Möglichkeiten offen stehen, muss es ein ganz tolles Leben werden. Das schafft enormen Druck. Da kann ich Cervantes verstehen. Das Abenteuer wird dann eher zum Gleichnis, zur Parabel, über die man erzählen kann.

 

Fühlt ihr diesen enormen Druck als Künstler oder junger Mensch heute auch?


Diedrichsen | Es gibt einen Druck, der sehr realitätsverhaftet ist, dass man Miete, Steuern, Versicherung zahlen muss. Aber sonst fühle ich mich nicht sonderlich unter Druck, ich finde es eher schwierig eine Nische für mich zu finden, zu produzieren – ob hier oder woanders – und einfach gehört und gesehen zu werden. Das ist der Druck, den ich mir selbst mache.

 

Ender | Es ist eher der Druck, den man sich selbst macht. Es ist gar nicht so, dass einem das von außen auferlegt wird, auch wie bei Cervantes. Es ist eher eine innere Getriebenheit…

 

Björn Meyer | Es sind die Ansprüche, die man hat. Man hat das Gefühl, etwas nicht gerecht zu werden. Aber das geht von einem selbst aus.

 

Ender | Man will sich zu der Welt ins Verhältnis setzen, hat etwas, das man mitteilen will, möchte unterhalten, möchte verstören, möchte Theater machen; es ist ja auch nicht unbedingt negativ. Es ist eher ein Drang, eine Lust, die Art Theater zu machen, die man gern machen und sehen möchte – Druck und Lust sind gleichzeitig.

 

Wie habt ihr euch denn der Figur des Cervantes genähert und ihn auf die Bühne gebracht?


Ender | Wir erzählen mit Auslassungen und in Sprüngen schlaglichtartig Geschichten aus seiner Biografie nach. Das ist der rote Faden, der sich durchzieht und daran spinnen sich seine Phantasiewelten ab. Als Autor hat er eine sehr blühende Phantasie, in diese tauschen wir immer wieder ein. Es gibt noch einen zweiten Bogen, das Leben von König Phillip. So erreichen wir das Oben und das Unten – die gesellschaftspolitische Ebene des spanischen Weltreichs gespiegelt an der Biografie von Cervantes.

 

Zwischen Cervantes und Don Quijote gibt es ja auch einige Parallelen…


Ender | Die Literaturwissenschaft würde jetzt aufschreien und sagen: Nein! Aber ja, so lesen wir es in jedem Fall auch. Man kann es nicht eins zu eins übertragen, aber die Erfahrungen des Cervantes spiegeln sich in der Figur des Don Quijote. So der Akt des Aufstandes gegen die Wirklichkeit. Er durchschaut sehr genau, was um ihn herum passiert, sagt aber "Ich will, dass das ein Riese und keine Windmühle ist".

 

Diedrichsen | Es ist keine Romanfigur, die dem populären Schema von damals entspricht, kein Ritter, sondern ein alter gebrechlicher, verschrobener Mann – ein Antiheld, keine klassische Figur. Das macht ihn so charmant. Cervantes und Don Quijote sind so rastlos und getrieben, auf der Suche nach etwas Fantastischem.

 

Es ist ein Kammerspiel?


Ender | Es sind drei Schauspieler und ein Sprechchor. Eher eine intime Sache.

 

Meyer | Ein Besenkammerspiel. (lacht)

 

Diedrichsen | Wie lange hast du auf dem Witz gesessen?

 

Meyer | Ich habe lange gehofft, dass sich die Gelegenheit bietet.

 

Ihr arbeitet schon seit Jahren zusammen. Was ist das Besondere an eurer Konstellation?


Diedrichsen | Wir haben uns alle gefunden, haben zusammen studiert und sind dadurch auch gezwungenermaßen in Situationen geraten, in denen wir zusammen arbeiten mussten. Die Chemie stimmt. Björn und ich haben eine spezielle Beziehung beim Spielen. Es herrscht ein Grundverständnis. Das finde ich persönlich sehr wertvoll. Und Johannes und ich haben uns auf einen Begriff von Theater und des Erzählens geeinigt.

 

Ender | Genau, wir kommen alle von der Theaterakademie, haben da vor ein paar Jahren abgeschlossen. Da ist die Ausbildung am Anfang relativ eng verzahnt. Man macht erste Regieversuche, lernt sich ein bisschen kennen. Da hat man schnell gemerkt, dass man gut miteinander kann. Da habe ich gemerkt, das mich interessiert, was die beiden als Schauspieler mitbringen, da habe ich Lust mitzugehen. Dann haben sich erste Arbeiten ergeben und wir merkten, dass das funktioniert Spaß macht. Die Vertrautheit macht es nicht nur einfacher, man kommt auch schneller an Punkte, die einen wirklich interessieren Und dieser Zustand hält sich nicht nur über einen Theaterabend sondern über Jahre hinweg, in denen wir uns gegenseitig herausgefordert und getraut irgendwelchen Blödsinn in den Raum zu stellen.

 

Meyer | Das ist sehr wichtig. Nirgendwo sonst machen wir so viel Blödsinn. Zumindest wurde er sonst immer sehr schnell abgebrochen.

 

Diedrichsen | Man weiß um die Stärken und Schwächen des Anderen und weiß, wo man ihn triggern kann.

 

Ender | Man kann sich auch härter sagen, wo Sachen nicht funktionieren. Dadurch ist aber nichts verloren, sondern man ganz klar benennen, was man gerade braucht, damit die Probe funktionieren kann. In beide Richtungen. Man kommt schneller an die Punkte, wo man wirklich arbeiten kann.

 

Aber stellt sich auch irgendwann mal Langeweile ein, wie beim verheiraten Ehe-Dreier?


Ender | Ganz so lang ist es dann ja noch nicht, wir sind eher noch in der Honeymoon-Phase. Es ist ja nicht so, dass wir nur in dieser Konstellation arbeiten. Es ist keine feste Gruppe, sondern es hat sich so ergeben, dass man eine maximal zwei Arbeiten pro Jahr zusammen macht und die anderen Arbeiten in anderen Kontexten. Cervantes ist die achte Produktion innerhalb von sechs Jahren.

 

Wie glaubt ihr, kriegt man heute ein junges Publikum am besten ins Theater?


Ender | Ich glaube, ein wichtiger Faktor ist der Unterhaltungsfaktor. Das wurde häufig – auch wenn es sich gerade ändert – vernachlässigt. Es ist oft sehr zerebral und verkopft, dass selbst ich, der vom Theater kommt und Regie studiert hat, Schwierigkeiten hat anzudocken, oder nicht genau weiß, wozu ich gebeten bin. Das heißt nicht, dass immer alles erklärt sein muss.

 

Man muss etwas finden, womit man das Publikum abholt und nicht sagen: „Wir machen das für uns und das Publikum kann kommen oder nicht“. So eine Haltung spürt ein junges Publikum. Wir sagen stattdessen: „Wir machen Theater für das Publikum. Wir möchten, dass ihr kommt und gut unterhalten seid. Im besten Fall bekommt ihr mehr mit als gute Unterhaltung.“ Ich glaube das ist ein wichtiger Startpunkt.

 

Diedrichsen | Ja, absolut. Unterhaltung heißt ja nicht "niveaulos". Wir wollen Unterhaltung auf hohem Niveau. Mir ist der elitäre Begriff von Theater sehr fremd Dieser schließt den Zuschauer von vornherein aus. Wir sind eher interessiert an Geschichten, als an Performances. Geschichten sind der Kern von fast allem – auch von Theater.

 

Ender | Für mich liegt die Kraft des Theaters darin, dass eine Gruppe von Schauspielern und eine Gruppe von Zuschauern zusammen kommt und die eine Gruppe erzählt der anderen eine Geschichte.

 

Meyer | Das hat was von Lagerfeuer.

 

Ender | Ja, das hat was von Gutenachtgeschichte. In Syrien gibt es die Tradition der Geschichtenerzähler, die in den Cafés sitzen und ganze Welten aufspinnen. Dem wohnt eine große Kraft inne. In einer Welt, die auf Effizienz und Ökonomie getrimmt ist, ist es ein großes Potential zu sagen, nehmt euch Zeit, wir laden euch ein zu einer fantastischen Geschichte, die im besten Fall auch etwas über das Heute erzählt. Ich denke das ist das große Potential des Theaters, wofür sich auch gerade ein junges Publikum wieder interessieren kann.

 

Oft sitzt man in den größeren Stadttheatern in einem Meer von Weißhaarigen. Wird und muss sich die Theaterlandschaft verändern?


Ender | Ich finde, das sind zwei Sachen, die man trennen muss. Es gibt beim staatlichen Theater, das Institutionelle, wo sicher viel passieren muss. Da sind teils monarchische, verkrustete Strukturen. Da wird sich sicher viel durch einen Generationenwechsel verändern. Beim staatlichen Theater hängt ja auch viel damit zusammen, welche Gruppen man ansprechen will, welche Gruppen auf der Bühne repräsentiert sind. Da gibt es einen großen Reformbedarf. Ich würde mir wünschen, dass man aktiv in die Strukturen geht und das verändert, was man verändern will.

 

Andererseits hoffe ich, dass sich ein Staat weiterhin den Luxus erlaubt, einer Gruppe von Spinnern die Möglichkeit zu finanzieren, Geschichten, Fabeln, Fantastisches zu erzählen und sich dem ökonomischen Zwang zu entziehen. Ich finde diesen Gedanken dahinter sehr schön und hoffe, dass der bestehen bleibt. Es ist für eine lebenswerte Gesellschaft extrem wichtig zu sagen "Wir geben nicht nur für gute Straßen und gute Schulen – was auch enorm wichtig ist – Geld aus, sondern ebenso für etwas, das auf den ersten Blick unökonomisch ist, aber ein großes kreatives Potential birgt".

 

Meyer | Wenn man als Stadttheater die Plattform hat, sollten Regisseure, diese auch nutzen. Es verändert sich gerade viel bei den Stoffen, an denen dann auch Jüngere interessiert sind. Ich denke also nicht, dass es ausstirbt. Das Erzählen von Geschichten hat immer überlebt.

 

Diedrichsen |Das ist sehr interessant und das war auch einer der ersten Punkte, die ich beim Poetry-Slam gesehen habe – mir ist klar, dass das nichts mit Hochkultur zu tun hat. Aber Poetry Slam ist geeigneter ein junges Publikum zu erreichen. Die verkaufen zwei- bis dreimal im Monat das Schauspielhaus bis auf den letzten Platz. Dann wird über die Geschichte des Hauses berichtet und ich weiß, dass als Wechselwirkung mehr junge Leute ins Theater gehen. Eine spannende Schnittstelle…

 

Und was kann Poetry Slam noch, was das Theater nicht kann?


Diedrichsen | Poetry Slam ist eine offene Bühne, es ist wahnsinnig demokratisch. Das ist auch eine Schwäche des Formats. Poetry Slam heißt – in der Ursprungsform – jeder kann auftreten und sein Geschriebenes darbieten. Dann gibt es sofort einen Moment von „das funktioniert“ oder „das funktioniert überhaupt nicht“. Das ist die Plattform für alles. Die Leute, die ich von dort kenne sind fast alle weitergegangen oder haben sich spezialisiert. Jeder hat hier eine Chance. Man bekommt enorm viel Bühnenerfahrung und kann sich weiterentwickeln.

 

Auch sprachlich, kann ich mir vorstellen?


Diedrichsen | Ja, ich bin davon etwas abgekommen. Ich habe viele Muster gesehen von Trends und Leuten, die die Stile anderer aufgreifen. Es ist trotzdem wertvoll, wenn man sich mit Sprache auseinandersetzt. Anfänglich ist es natürlich viel pubertärer Lyrik-Kram, der auch legitim ist. Ich glaube nicht, dass Poetry Slam irgendetwas kann, was Theater nicht kann, aber es hat mir ermöglicht zu wissen, dass ich etwas auf der Bühne machen will.

 

Und was macht für euch den Zauber des Theaters aus? Als Spieler und als Zuschauer?


Meyer | Das geht Hand in Hand. An dem Beruf liebe ich die Narrenfreiheit. Fragt mich jemand „Was macht ihr da eigentlich?“, antworte ich: „Heute lag ich auf dem Boden und habe mich an Konfetti verschluckt“. Das ist mein Beruf und das ist etwas Tolles. Das Gefühl zu haben, man kann seinen Spieltrieb ausleben, den jeder hat.

 

Dann nimmt man sich Zeit für einen Theaterabend, um sich mehrere Stunden der Realität zu entziehen. Man geht gemeinsam auf einen Trip. Das finde ich toll. Genauso schön ist es, wenn man als Schauspieler das Gefühl hat, dass das Publikum an einen rankommt, die Dinge verwertet, die man macht, und dann nimmt man wieder die Reaktionen des Publikums auf – ein Wechselspiel. Als Zuschauer spürt man diese Energie. Es ist schön, entfernt von diesem Draußen zu sein.

 

Wollt ihr in zehn, zwanzig, dreißig Jahren immer noch zusammen Theater machen?


Diedrichsen | Wir wollen alle noch Theater machen – gerne in einem Rahmen, der noch öffentlichkeitswirksamer ist.

 

Ender | Es wäre schade, wenn wir in zwanzig Jahren das exakt gleiche Theater machen. Das wäre wirklich traurig, aber ich hoffe, dass man dann noch weiter erforscht, was Theater für einen bedeutet, und dass man aneinander wächst.

 

Meyer | Es wird sich auch eine ganz andere Welt an Rollen eröffnen, wenn man mehr erlebt und mehr zu erzählen hat.

 

Ender | Und andere Stoffe. Themen, die dich mit zwanzig, dreißig Jahren ansprechen sind natürlich andere als mit fünfzig oder sechzig Jahren.

 

Diedrichsen | Vielleicht ja auch nicht. Mit achtzig Jahren müssen wir dann Sunny Boys oder Beckett machen.

 

Ich komme dann gern zur Vorstellung.

 
© 2017 LICHTHOF THEATER Hamburg