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Gentrifiction, Uraufführung Donnerstag, 15. Oktober, Foto: Jennifer Wjertzoch

"Was man über die Menschheit behaupten kann"

Wie kann etwas so Perfektes wie die Natur etwas so Unfertiges wie den Menschen hervorbringen? In Gentrifiction von Lena Biresch tummeln sich sprachgewitzte Figuren, die trotz ihrer physikalisch-psychologischen Versiertheit das Leben und ihre Umwelt weder beherrschen noch verstehen können. Die mit dem Kaltstart-Jurypreis 2014 ausgezeichnete Tragikomödie (Bestes Stück) kommt am Donnerstag, 15. Oktober, in der Inszenierung von Helge Schmidt zur Uraufführung. Christina Bellingen, die Dramaturgin des Projekts, hat Lena Biresch einige Fragen gestellt.

Christina Bellingen | Dein Stück spielt in den letzten Wochen vor dem Weltuntergang. Es ist eine Tragikomödie an deren Ende die Zerstörung der Erde steht. Wie kam es zu diesem Thema?

Lena Biresch | Als ich mit dem Schreiben des Stücks begonnen habe, war der Weltuntergang 2012 gerade in aller Munde. Ich wollte sehen, was man über die Menschheit eigentlich bis zu diesem Punkt behaupten kann.

Der Zuschauer begleitet drei Figurengruppen über mehrere Stationen: Eine Vierer-Partygang, zwei Forscher und zwei Individuen, die sich kurzzeitig einander öffnen. Was verbindet diese Figuren? Warum hast Du gerade diese drei Ebenen gewählt?

Ich wollte die Menschheit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: der Blick des Menschen auf seine Umwelt (die Weltuntergang), der Blick von oben aus dem All auf den Menschen (Hinz & Kunz) und der des einen auf den anderen Menschen (Eins & Zwei).

Auch wenn es um die Verrichtung alltäglicher Handlungen geht oder es gilt Gefühle auszudrücken, bedienen sich Deine Figuren, einer hochwissenschaftlichen Sprache. Insbesondere Phänomene der Astrophysik werden wie beiläufig bei Gesprächen herangezogen. Was hat es mit dieser Verbindung auf sich? Bist Du selbst ein Physik-Crack?

Nein, bei weitem nicht! Meine Recherchen haben einfach großen Halt bei der Physik gemacht und ich betrachte die diesbezüglichen Textstrecken eher als physikalische Poesie oder poetische Physik. Mit 'echter' Quantenphysik hat das im Eigentlichen wohl nicht viel zu tun. Aber: "An dieser Diskussion sollte ein möglichst großer Kreis von Menschen teilnehmen", befand schon Werner Heisenberg, denn sie formiert unsere Wirklichkeitswahrnehmung in jeder alltäglichen Sekunde.

Bislang hast Du Deine Stücke selbst inszeniert. Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Helge Schmidt gekommen?

Ich habe auf dem Kaltstartfestival 2014 den Preis in der Sparte freies Theater bekommen. Dazu habe ich neben einer szenischen Lesung von Auszügen aus 'gentrifiction' noch einen Kurzfilm ('Nachbars Lumpi', zu sehen auf Vimeo) gezeigt. Ich wusste zuvor gar nicht, dass es einen Preis gibt, und dieser beinhaltete überraschenderweise die Beantragung der Fördermittel für die Realisierung des Stücks. Die Jury hat dann meinen Text an Helge weitergegeben und der hat die Mittel bekommen.

Ist die Aufregung vor der Uraufführung größer oder kleiner, wenn man "nur" im Publikum sitzt?

Die Aufregung ist sehr viel geringer, als wenn ich selbst inszeniere. Das wird jeder Theaterschaffende nachvollziehen können. Allerdings ist mir trotzdem ziemlich mulmig zumute. Das ist eine völlig neue Situation für mich.

Welche Themen treiben Dich momentan um? Was spornt Dich an, Theaterstücke zu schreiben?

Ich schreibe momentan an einer Neubearbeitung der Nibelungen und außerdem an einem Stück über Scharlatanerie namens "Der kleine Heiler". Ich tue das, weil es das ist, was ich am besten und am liebsten kann. Ich wünsche dem Ensemble eine herzliches toitoitoi!
 
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