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Am 17. Februar 2008 zum Anlass der Unabhängigkeitserklärung aufgestellt: das NEWBORN-Monument in Priština, Fotograf unbekannt.

"Die Realität ist zynisch"

Am 21. November feiert die LICHTHOF Produktion DEPORTATION CAST Premiere, inszeniert von den Rolf Mares-Preisträgern Harald Weiler (2012, Herausragende Inszenierung) und Lars Peter (2014, Herausragendes Bühnenbild). Im LICHTHOF-Interview erzählen sie von ihrer Zusammenarbeit, der Angst, eine Aussage zu treffen, Gutmenschentum im Theater und der Komplexität von DEPORTATION CAST.


LICHTHOF | Wie weit seid ihr in den Proben?


Harald Weiler | Übermorgen [am 12.11.] haben wir alles einmal gemacht. Viele Teile oft, den Schluss erst einmal. Ich habe immer Angst den Schluss zu probieren und will das eigentlich nicht. Plötzlich bekomme ich Albträume, dass man mit diesem Abend eine Aussage treffen muss. Dass er nicht für sich stehen kann. Der Schluss ist ja auch eine Verabschiedung: Man hat etwas gefunden, die Lösung, wie man etwas machen will... Das finde ich immer komisch. Aber diesmal müssen wir ihn proben, weil wir ein komplizierteres Bild bauen.

LICHTHOF | Ist der Schluss bei DEPORTATION CAST schwieriger als bei anderen Stücken?

Weiler | Nö. Ich denke nicht. Lars?

Lars Peter | Jedes Stück hat eine eigene Art und braucht eine eigene Herangehensweise. In den ersten Probentagen haben wir gemerkt, dass es bei diesem Stück schon anders ist als bei anderen. Dass zum Beispiel die Ankündigung, die Björn Bicker vorne ins Stück geschrieben hat („Jede/r Schauspieler/in spielt drei Rollen und sich selbst.“), ihren Grund hat. Das ist jetzt keine neue Erfindung, viele heutige Stücke arbeiten damit, dass man eine Distanz schafft zwischen Schauspieler und Rolle. Aber bei diesem Stück hat es einen inhaltlichen Grund, weil man versucht, sich gemeinsam einem Thema zu nähern. Vielleicht ist das die Angst, die Harald gerade beschreibt. Man hütet sich davor, fest geformte Lösungen zu haben. Man muss versuchen, es am Flirren in der Schwebe zu halten.

LICHTHOF | In diesen Interviews kommt tendenziell die Regie zu Wort. Ist es ein Zufall, dass wir hier zu dritt sitzen?

Weiler | Nein. Wir entwickeln das zusammen. Lars ist für mich jemand, der ab und an auch in die Probe kommt, sich das ansieht und wir reden darüber. Manchmal gibt es dann noch eine andere Richtung. Zum Beispiel mit dem Schluss. Gerade eben haben wir das einmal gespielt. Ich habe geguckt, er musste das spielen. Das mache ich gerne mit Lars, weil ich dann nicht so einen Druck habe. Konzeptionell ist der Bühnenbildner der engste Mitarbeiter für den Regisseur. Abgesehen davon, dass wir auch Freunde sind und uns privat gut verstehen. Es hilft, dass wir eine ähnliche Sprache sprechen. Mit wem soll ich mich sonst austauschen? Manchmal gibt es Dramaturginnen oder Dramaturgen – das ist auch gut. Hiernach machen wir zusammen ein Stück in Pforzheim. Da sind wir ein Dreierteam mit einer Dramaturgin, die wir schon kennen und mit der wir schon gearbeitet haben. Das ist nochmal etwas ganz anderes. Die sind ja viel strenger und logisch. Das bin ich oft nicht. Das ist der Vorteil von Dramaturgen, die häufig sachlich den Aufbau sehen.

Peter | Wir haben ja auch wirklich schon einige Male zusammengearbeitet und ich habe den Eindruck, dass wir eine ähnliche Vorstellung davon haben, was wir gerne für ein Theater machen würden. Es ist ein Glücksfall, wenn man jemanden trifft, mit dem das so funktioniert.

LICHTHOF | Und das auch sehr erfolgreich. Gratulation noch einmal, Lars, zum Rolf Mares-Preis 2014. Gratulation auch dir, Harald, zwei Jahre zu spät, zum Rolf Mares-Preis 2012. Das waren beides Produktionen, in denen ihr zusammen gearbeitet habt.

Weiler | Ja. Bei mir war es für die Regie bei „Der Wind macht das Fähnchen“ und Lars hat ihn dieses Jahr für die Bühne bei dem „Ripley“ gekriegt.

LICHTHOF | Das mag jetzt eine komische Frage sein, weil sie zu Eigenlob führt. Dennoch: Was glaubt ihr funktioniert so gut an euren gemeinsamen Arbeiten für Publikum und Jury? Was zeichnet euch aus? Ist das zu beantworten?

Weiler | Das ist eine gute Frage. Mit der Kamera hochfahren und sich selbst beim Tun anzusehen...

Peter | Vielleicht geht es über ein Beispiel. So eine Art Bühne wie beim „Ripley“ kann man eigentlich nur entwickeln, wenn man auch schon in der Vorbereitung sehr eng mit dem Regisseur zusammenarbeitet. Und wenn sich der Regisseur auch schon in der Phase in den Stoff eingearbeitet hat und eine Fantasie von dem Raum für die Szenen hat. Wenn man das nicht kann, würde man sich als Regisseur auf so ein Bild gar nicht einlassen. Wenn es aber klappt, entsteht ein Aha-Effekt. Es ist das Tollste, wenn es schließlich zusammen geht. Wenn man merkt, dass im besten Fall alle an einem Strick gezogen haben, sodass der Abend die bestmögliche Wirkung hervorruft.

Weiler | Da ich vom Schauspiel komme, sehe ich als Regisseur sofort, wenn etwas nicht geht. Wenn ein Schauspieler etwas nicht spielen kann. Oder wenn man in einem Raum ist, wo sich etwas nicht herstellen lässt. Das verstehen wir beide ganz gut. Ich habe das Gefühl, dass bei uns der Schauspieler oder die Schauspielerin im Vordergrund steht. Dass wir versuchen, einen Raum und ein Stück so zu interpretieren, dass der Schauspieler die Geschichte erzählt und nicht der Raum an sich. Dann liegen wir beide – und das ist jetzt vielleicht die Lobhudelei – ästhetisch auf einer Wellenlänge, insoweit wir versuchen, es schnörkellos hinzukriegen. Nichts zu bebildern, was gar nicht da ist. Beim Inszenieren kann ich mich in dem Moment verlieren, in dem Schauspieler einfach spielen. Ich kenne es selbst vom Schauspiel, das gibt es nicht oft. In 25 Jahren Theaterspielen habe ich es vielleicht viermal erlebt, dass man bei einer Premiere denkt: „Wenn ich jetzt in die Ecke pinkele, stimmt es auch.“ Dann ist das Ganze ein einziger Aha-Moment. Das will ich natürlich immer auch als Regisseur erreichen: Dass die auf der Bühne genießen, was sie tun, und das Publikum emotional mitgehen kann. Es ist wichtig, dass ein Bühnenbild das zulässt. Manchmal klappt es und manchmal nicht. Manchmal gibt es auch Schauspielerinnen und Schauspieler—

Peter | Wo es zu diesem Punkt nicht kommt.

Weiler | Genau, wo es dann nicht—

Peter | zündet.

LICHTHOF | DEPORTATION CAST scheint mir jetzt kein Stück zu sein, in dem sich so etwas leicht einstellt.

Weiler | Nein. Das Stück ist ein Koitus Interruptus. Die Szenen haben alle keinen Vorlauf, verlangen aber eine hohe Emotionalität – tack-tack-tack. Sie spielen in zwei Ländern gleichzeitig und wechseln diese Orte auch teilweise innerhalb der Szenen. Wir versuchen, das nicht mit Lichtwechseln zu machen. Das ist teilweise nicht schön und hat Längen. So ist aber das Stück. Ich will es nicht verschönern. Wir haben uns jetzt zu drei Musikstellen durchgerungen. Es fällt mir zwar immer noch schwer, aber wir machen es jetzt so.

LICHTHOF | Es fällt dir schwer, nicht mehr oder nicht weniger Musik zu haben?

Weiler | Nicht weniger. Obwohl ich ein großer Freund von Kitsch und Musik bin, von großem Kino. Aber in diesem Stück geht es um etwas ganz anderes.

Peter | Du hast ja vorhin auch gesagt, dass man bei dem Stück den Eindruck hat, man muss etwas Pures finden und dabei auch bleiben. Man kann es nicht verdecken oder mit irgendwelchen Zutaten geschmeidig machen. Ich denke auch, dass es so für dieses Stück genau richtig und auch in dieser Ansage von Bicker enthalten ist. Dass es kein illusionistisches, filmisch vor einem ablaufendes, glattes Teil wird, sondern dass es Reibungen gibt. Und Fragen für den Zuschauer. Sachen, an denen man was zu beißen hat.

Weiler | An dem Thema ja auch. Wir wollen ja nicht sagen: „Wir müssen das jetzt so und so machen.“ Letztendlich wollen wir an einem Beispiel zeigen, was passiert, wenn es solche Gesetze gibt. Was passiert einem jungen Pärchen, das sich verliebt hat?

Peter | Bicker spricht diese Themen geschickt an: Abschiebung, persönliche Verantwortung und Schuld. Sollte man sich jetzt raushalten – und macht sich dadurch schuldig? Macht man mit – und wird dadurch schuldig? Muss man dagegen aufbegehren? Diese Fragen stecken da natürlich drin. Bicker verpackt das sehr geschickt in diesen beiden Familientragödien bzw. -dramen. Auf eine sehr wirkungsvolle Art, sodass man es im Theater gut nachvollziehen kann.

LICHTHOF | Aber es benötigt doch sicher auch inszenatorisch weiteres Gegenarbeiten. Solche moralisch besetzten Themen ziehen viele ins Publikum, die sich durch den Theaterbesuch selbst ihres eigenen Gut-Seins versichern wollen. Ich gehe rein und allein dadurch, dass ich mich damit befasse und gegebenenfalls eine Art Slum-Romantik konsumiere, erlöse ich mich selbst.

Weiler | Ja, das ist dieses Phänomen – ich will mich da auch gar nicht von freimachen – das es in der Weihnachtszeit gibt. Dass man einmal im Jahr spendet und dann ist es gut. Die Hälfte der Probenzeit haben wir über dieses Thema gesprochen. Was ist denn die Lösung? Was kann man denn tun? Wir können mit dem Theater sicherlich gar nichts tun. Wir können nur sagen: „Das Problem gibt es.“ An diesem Stück ist es sehr konkret. Und wir können sagen: Es trifft immer Menschen. Keine Hirngespinste oder Fantasiefiguren – es trifft ganz konkret vier Personen. Wir zeigen, was mit denen passiert.

Man vergisst immer, dass man in eineinhalb Flugstunden da ist, im Krieg. Wir können auf die eine Seite des Meeres an den Strand fahren – auf der anderen Seite ist Krieg. Andererseits weiß ich nicht, was passiert, wenn immer mehr Menschen nach Deutschland kommen. Ich erinnere mich daran, wie das erste Flüchtlingsschiff in Hamburg ankam. Ich war in einem Bus und viele Schwarze stiegen ein. Der Busfahrer sagte: „Liebe Hamburger, wenn Sie Angst haben, kommen Sie nach vorne.“ Ich hatte jetzt keine Angst, aber so ist die Realität. Da bringt es nichts zu sagen: „Der Typ ist ein Arschloch.“ Da waren Leute, die hatten Angst. Da saßen alte Omas, die hatten Panik. Vielleicht ist das ein doofes Beispiel für eine komplexe Situation.

LICHTHOF | Es findet direkt in Deutschland statt. Der Krieg ist vielleicht im Kosovo, aber es betrifft Lebensrealitäten unmittelbar in der eigenen Stadt. Die Grenzziehungen werden hier umgesetzt. In den Gesetzen, der Sprache, dem Alltag, wie es auch das Drama gut erzählt. So finde ich es auch eine große Herausforderung, ein Stück zu inszenieren, dessen Inhalt so viele Fallstricke und auch Falltüren bereit hält.

Weiler | Ja, ich weiß. Was wird gespielt? Was erzählt man und was nicht? Das ist schwierig herauszufinden. Es gibt ja noch die Figur, die stumm ist, aber am meisten spricht. Ein Stolperstein, den uns Herr Bicker dort hingelegt hat. Wann spielt der? Wann hört er auf?

Peter | Gerade bei so einem Thema muss man sich dafür hüten, dass man als Theatermacher denkt, man könnte eine Lösung anbieten. Ich glaube, dann trifft genau das zu, was du angesprochen hast. Dass es so eine komische Solidarität unter Gutmenschen gibt, von denen auf der Bühne und denen im Zuschauerraum. Alle fühlen sich toll, weil sie den armen Unterdrückten zugucken, wie es ihnen schlecht geht. In dem Stück gibt es noch Rollen wie den Sachbearbeiter und den Anwalt, die das Thema von einer anderen Seite betrachten. Die haben auf ihre Art auch 'Recht.' Auch wenn es oft wahnsinnig zynisch rüberkommt, was sie sagen, ist es natürlich ein Ausschnitt der Realität. Sie selbst sind nicht zynisch, die Realität ist zynisch.



DEPORTATION CAST
PREMIERE Freitag, 21.11.2014
Sa, 22.11. // So, 23.11. // Do, 27.11. // Fr, 28.11. // Sa, 29.11. // So, 30.11.

Beginn 20:15 Uhr, sonntags 19:00 Uhr

Karten: 15,- € / 10,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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