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(c) Sinje Hasheider

"Missstände anprangern ohne Belehrtheater zu machen"


Für ihr Inszenierungskonzept DAS TOTENSCHIFF nach B. Traven erhielt Clara Weyde den Start off-Förderpreis 2015. Die Premiere dieser Romanadaption ist am Freitag, 09. Januar 2016. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Bastian Lomsché erzählt sie im LICHTHOF Interview von der Entstehung des Projekts, der (Un-)Möglichkeit ungebrochener Botschaften auf der Theaterbühne, und einem fälschlichen Zusammenhang zwischen politischem Theater und altbackener Ästhetik. Die Fragen stellte Rachelle Pouplier.


LICHTHOF | Wie habt ihr, Clara und Bastian, künstlerisch zueinander gefunden?

Bastian Lomsché |  Wir haben bereits bei Claras Diplom, "Juli" von Iwan Wyrypajew, zusammengearbeitet. Ich schätze vor allem die Offenheit und Diskussionsbereitschaft dieser Zusammenarbeit. Es gab von Anfang an eine gemeinsame Lust, sich den Texten zu stellen und sich an ihnen abzuarbeiten. Dabei gibt es zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, grundsätzlich nachzudenken und gegebenenfalls bereits Geschaffenes in Frage zu stellen, wenn es der Sache dient. Das ist nicht selbstverständlich, ich schätze das sehr.

Clara Weyde | An Bastian schätze ich vor allem sein Gespür und seine Genauigkeit im Umgang mit Texten und sein Bekenntnis zur Narration – verschiedenste Erzählformen sind mit ihm denkbar, durchspielbar, aber der Kompass ist immer das Erzählen. Ganz persönlich empfinde ich es zudem als große Bereicherung, zu erleben, wie stark er selbst auch Verantwortung übernimmt für die Produktionen und sich keiner inhaltlichen oder personellen Auseinandersetzung sperrt.

Wie seid ihr auf das Werk von B. Traven gestoßen?

Lomsché | Ich trage "Das Totenschiff" schon seit dem Studium mit mir herum. Das Mysterium B. Traven hat mich seitdem immer wieder beschäftigt – es gibt nicht so viele Schriftsteller, die selbst einem Abenteuerroman entsprungen wirken... Die Idee, dass der Stoff auch etwas für die Bühne sein könnte, kam relativ spontan, als wir über ein mögliches Stück für den Start off-Wettbewerb nachgedacht haben. Nachdem der Titel genannt war, dauerte es keine halbe Stunde bis klar war, dass er sich fantastisch für eine Adaption eignen würde.

Was hat der Text mit euch gemacht und was habt ihr mit dem Text gemacht?

Lomsché | Eigentlich hält der Erzähler Gale – oder ausnahmsweise sogar der Autor B. Traven selbst? – auf 250 Seiten eine politische Kampfrede. Diese Explizitheit und – zumindest zeitweise – Ungebrochenheit der Haltung wirkten auf mich zunächst verstörend. Wir sind es nicht unbedingt gewöhnt, in Erzählliteratur mit so deutlichen Zustandsbeschreibungen aus einer bestimmten politischen Ecke – hier der anarchistischen – konfrontiert zu werden. Zumindest nicht ohne Mittel der Ironie, Satire oder sonstigen Brechungen, die das Erzählte irgendwie relativieren.

Die Vorstellung, ein Schauspieler würde auf der Bühne entsprechende Textpassagen aus dem "Totenschiff" ungebrochen vortragen, fühlte sich erst einmal nach didaktischem Ich-erklär-Euch-die-Welt-Theater und daher grundfalsch an. Andererseits haben wir schnell bemerkt, dass diese Passagen ein Qualitätsmerkmal sind, die man dem Text nicht entziehen darf, will man nicht gegen ihn arbeiten. Verschiedene Fragen haben uns während der Bearbeitung des Textes für die Bühne permanent begleitet: Wenn wir längst begriffen haben, was dort an politischer Botschaft verbreitet wird und wenn viele von uns dem zustimmen – wie kann der Text dann trotzdem noch so aktuell sein? Darf direkte politische Stellungnahme auf der Bühne nur aus dem Grund nicht stattfinden, weil sie ästhetisch als altbacken gilt? Ist es im Theater überhaupt möglich, Missstände deutlich anzuprangern, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, Belehrtheater zu machen? Und wenn ja, wie?

1926 geschrieben, wurde das Totenschiff als Anklage gegen die kapitalistische Bürokratie der modernen Gesellschaft interpretiert. Wie lasst ihr den Stoff heute – natürlich auch angesichts der Flüchtlingslage – wahr werden?

Lomsché | Ein Mensch verliert seinen Pass, dadurch im bürokratischen Sinne seine Identität und in gewisser Weise auch seine Menschenwürde. Er wird von Behörden abgeschoben, niemand will ihn aufnehmen. Illegales Handeln, im rechtlichen Sinne, ist eine der wenigen Optionen, überhaupt überleben zu können. Er landet in der Peripherie und seine letzte Option ist es, auf ein Boot zu steigen, das einem schwimmenden Schrotthaufen gleicht. Die Aktualität der Motivik des Textes ist fast schon zu deutlich... Durch die historische Verortung der Geschichte – 1926, ein paar Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – ist es aber möglich, die genannten Themen mit einem gewissen Abstand zu bearbeiten, ohne dass die Erkenntnisse in Bezug auf die aktuelle Situation unwahr wären.

Probiert ihr mit dieser Inszenierung auch Dinge aus, die ihr schon immer machen wolltet?

Weyde | Abgesehen von den konzeptionellen Gedanken bei einer Inszenierung versuche ich in meinen Arbeiten natürlich auch immer mit den Gegebenheiten umzugehen. Beim "Totenschiff" habe ich die Möglichkeit, mit sehr klugen, spielfreudigen Schauspielern zusammenzuarbeiten. Deshalb setze ich in gewisser Weise voll auf diese Gruppe, auf ihre Dynamiken und Entwicklungen auf und hinter der Bühne. Ich versuche mit dem umzugehen, was wirklich da ist, anstatt mir alles am Reißbrett auszudenken. Das mag einfach klingen, und naheliegend, erfordert aber gerade dann, wenn man sich nicht hinter einer opulenten Ausstattung "verstecken" kann, einiges an Vertrauen und Offenheit.

Lomsché | Ehrlich gesagt schwirrten mir bei der Bearbeitung sehr viele Dinge im Kopf herum, die ich gerne einmal ausprobiert hätte und für die sich der Text hervorragend eignen würde. Eine richtige Wasserschlacht oder ein in sich zusammenkrachendes Schiff überstiegen leider unser Budget... Nein, im Ernst: es gab natürlich verschiedene Dinge, die wir ausprobieren wollten – wir stehen ja noch relativ am Anfang unseres Schaffens im Theater. Schon die Adaption eines Romans war eine neue Erfahrung, auf die ich lange Lust hatte. Schön, wenn es dann noch ein Lieblingstext ist. Die angesprochene Auseinandersetzung mit dem Feld „politische Rhetorik auf der Bühne“ stachelt mich ebenfalls sehr an, da ich diesbezüglich eigentlich großer Skeptiker bin. Ganz persönlich freut mich, endlich einmal mit Amadeus Köhli zusammenzuarbeiten, mit dem ich seit über 20 Jahren eng befreundet bin.

Könnt ihr kurz etwas zu den Darstellern sagen, was macht sie aus?

Weyde | Die Schauspieler, mit denen wir beim „Totenschiff“ zusammenarbeiten, arbeiten fast alle als freie Schauspieler. Das erfordert viel Mut und Engagement, aber es eröffnet künstlerisch große Freiräume und ist oft mit einer hinreißenden Wachheit im Spiel verbunden. Natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle, aber alle vier Spieler arbeiten am „Totenschiff“ mit, weil sie an der Auseinandersetzung mit dem Roman und den darin enthaltenen Themen interessiert sind – gerade wegen der Analogien zu (Selbst-)Ausbeutung und Rechtfertigungsmechanismen im eigenen Schaffensbereich. Das wäre an einem städtischen oder staatlichen Theater nicht unbedingt so, da die Schauspieler in der Regel nicht mitbestimmen, an welcher Produktion sie mitwirken.

"Das Totenschiff" war von Anfang an als künstlerischer Austausch mit den beteiligten Schauspielern konzipiert. Wie möchten wir gemeinsam die Geschichte von Gale erzählen? Worin besteht die tatsächliche Reibung mit uns als Beteiligte? Diesen Fragen wollen wir in einer gemeinsamen künstlerischen Auseinandersetzung nachgehen, ohne dabei die Handlung und Figuren des Romans aus dem Blick zu verlieren. Dieses Mehr an Interesse und Eigenverantwortung bringen diese vier Spieler mit. Zudem sind wir alle etwa im gleichen Alter. Uns verbindet ein ähnlicher Humor und Blick auf den Theaterbetrieb. Mir persönlich macht die Arbeit mit dieser Bande großen Spaß.

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