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(c) Daniela Merz / Sollsuchstelle

"Kein Klischee einer Autorin"

Vor dem Gastspiel am Deutschen Theater Berlin (10.+11. Dezember) ist Nino Haratischwilis DER HERBST DER UNTERTANEN am 04. und 05. Dezember am LICHTHOF zu sehen. Während der Lesereise mit ihrem aktuellen Roman "Das achte Leben (für Brilka)" hat "eine der interessantesten Gegenwartsautorinnen des Theaters" (Hamburger Abendblatt) dem LICHTHOF fünf Fragen zu Literatur, Theater und Inszenierung beantwortet.


LICHTHOF | Du hast Film- und Theaterregie studiert und bist zudem bist du eine mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin. Wie unterscheiden sich die Prozesse des Schreibens und Inszenierens voneinander? Wo gibt es Parallelen?

Nino Haratischwili | Es sind beides kreative Prozesse, wo man etwas erfindet, kreiert und sich intensiv in eine Materie vertieft und sich mitreißen lässt. Aber das Schreiben ist ein Prozess, den man alleine macht und machen muss - anders würde es ja gar nicht gehen. Es ist ein Prozess, wo man aus sich heraus schöpft, während eine Inszenierung immer in einer Teamarbeit entsteht. Viele Entscheidungen, die man trifft, entwickeln sich aus einem gemeinsamen Suchprozess, in den das Regieteam genauso involviert ist, wie auch die Schauspieler, mit denen eine Theaterarbeit steht und fällt. Denn sie sind es, die am Ende diese Inszenierung tragen und dem Zuschauer zugänglich machen. Alles an vorher geleisteter Arbeit, an dem, wie gesagt, immer ein Team beteiligt ist, manifestiert sich in ihrem Spiel. Ich liebe beide Prozesse und vor allem die Abwechslung zwischen den beiden.

Gerade bist du auf Lesereise. Inwieweit sind deine Lesungen theatral? Wählst du bewusst eine bestimmte Ästhetik bzw. wie lässt du den Text in den Vordergrund treten?

Sie sind recht wenig theatral, soweit ich das beurteilen kann. Ich bin keine Schauspielerin und versuche auch keine zu sein. Ich kann dem Publikum letztlich nur mich und vor allem meinen Text präsentieren und darf und will in diesem Rahmen nichts inszenieren. Bei einer Lesung kommt es auf die Wechselwirkung zwischen dem Publikum und dem Text an, sogar ich bin da zweitrangig, auch wenn es mir durchaus bewusst ist, dass viele Leser aus Neugier auf den Autor hinkommen. Ich versuche die Texte möglichst neutral vorzulesen und einfach pur und offen für die Fragen und die Diskussionen zu sein.

In deiner Theaterarbeit bist du meist Dramatikerin und Regisseurin in einer Person. Was bedeutet es für die Inszenierung und die weiteren Beteiligten, dass du deinen eigenen Text inszenierst? Wie fühlt es sich an, wenn du deine Texte in die Hände einer fremden Regie gibst?

Das müsstest du am besten mein Team fragen und vor allem die Schauspieler, mit denen ich regelmäßig arbeite. Aber soweit ich das immer reflektiert bekomme, entspreche ich nicht dem Klischee einer Autorin, die immer ganz entsetzt ist, dass man ihre Texte umstellt oder kürzt. Wenn ich anfange zu inszenieren, dann kommt Nino als Autorin bei den Proben nicht mehr vor. In dem Fall ist es mir egal, ob es meine oder fremde Texte sind. Ich habe genauso viele Fragen und muss genauso suchen, wie, wenn es Fremdtexte sind. Ich habe da eine strikte Trennung zwischen dem Autoren-Ich und dem Regisseur-Ich, auch wenn es vielleicht erst mal etwas schizophren anmutet.

Ebenfalls habe ich keine allzu großen Probleme meine Texte in fremde Hände zu geben. Ab dem Moment, wo ich ein Stück zur Veröffentlichung frei gebe, muss ich damit leben, dass andere Menschen es sich aneignen, interpretieren. Wichtig ist mir schon, dass zum Beispiel bei einer Uraufführung der Text ziemlich nah am Original bleibt, aber ich finde es spannend, wenn die Texte in Form verschiedener Inszenierungen neu und anders interpretiert werden.

Das Hamburger Theatermagazin beschreibt DER HERBST DER UNTERTANEN unter anderem als „Psychohorror auf hohem Niveau.“ In welchem Verhältnis stehen für dich Figurenpsychologie und theatrale Form?

Es ist immer eine Balance, die ich zu finden versuche. Eine Mischung, genauer gesagt. Die Psychologie der Figuren ist mir schon wichtig. Der Text, das gesprochene Wort, da fange ich an, mich den Figuren zu nähern, aber irgendwann muss ich mich davon auch lösen und eine Umsetzungsform finden, eine zusätzliche Ebene zu dem Stück, die nichts mit Naturalismus zu tun hat. Denn das interessiert mich im Theater nicht, dafür muss ich nicht ins Theater gehen. Es sind dann Bilder, die ich im Kopf habe, oft auch Atmosphären, Stimmungen, Farben, Räume und auch da ist eine enge und intensive Zusammenarbeit mit meinem Regieteam mir wichtig. Ich denke auf diese Mischung kommt es in meinem Fall an.

In HERBST DER UNTERTANEN geht es um weibliche Täterschaft. Was bedeutet das? Wann ist Täterschaft ‚weiblich?‘

Das ist ein großes Thema und vor allem ein sehr schwieriges, spannendes und vielschichtiges, da fällt es mir schwer, meine Überlegungen dazu in der Kürze zusammen zu fassen. Ich habe versucht, mich auf meine Art und Weise diesem Thema zu nähern und dabei ist "Der Herbst der Untertanen" rausgekommen und ich würde sagen, dieser Frage kann vielleicht jeder auf seine Art nachgehen. Und hierfür wäre zu unserer Aufführung zu kommen ein guter Anlass.



DER HERBST DER UNTERTANEN
Wiederaufnahme Donnerstag, 04. Dezember 2014
Freitag, 05. Dezember
Beginn 20:15 Uhr

Karten: 15,- € / 10,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de

Zwei weitere Gastspiele am Deutschen Theater Berlin (10.+11.12.) sind bereits ausverkauft.
 
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