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(c) Lars Krüger

"Jeder schreibt sich 'Freiheit' auf die Agenda"

Gero Vierhuff studierte Angewandte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim. Seit 2003 inszeniert er an unterschiedlichen Stadt- und Staatstheatern und ist regelmäßig als Produzent und Regisseur in der freien Theaterszene in Niedersachsen und Hamburg tätig. Er war Mitglied im Leitungsteam beim KALTSTART Theater-Festival im Haus III&70 in Hamburg. Mit Rachelle Pouplier sprach er anlässlich seines neuen Projekts DER ELEKTRISCHE REITER (Premiere Donnerstag, 9. Juni) über den ambivalenten Begriff "Freiheit", seine Vorliebe für dramatische Geschichten und die Übertragbarkeit alter Hollywood-Schinken auf die Theaterbühne heute.


Rachelle Pouplier | Wer ist Sonny Steele?

Gero Vierhuff | Sonny Steele ist Der Elektrische Reiter. Als fünffacher Meister im Rodeoreiten ist er eine Koryphäe auf seinem Gebiet und eine bekannte öffentliche Persönlichkeit. In seinem zweiten Leben wird er zur Werbeikone für Frühstücksflocken. Er ist kein echter Cowboy mehr, sondern ein elektrischer. Statt seiner Cowboy-Klamotten trägt er jetzt einen elektrischen Show-Anzug mit Lämpchen in bunten Farben und lebt in einer glitzernden, falschen Welt.

Und wer ist Gero Vierhuff?

Also ich habe jetzt gerade keinen Blinkanzug an und habe auch keinen zu Hause.

Was macht dich denn als Theatermacher aus?

Ich bilde mir zumindest ein, dass der Weg, den ich gehe, besonders ist, weil ich an der Schnittstelle zwischen Freiem und Stadttheater agiere. Wenn ich Angebote an Stadttheatern bekomme, hat das vielleicht mit meinen Erzählweisen zu tun, die sich in der Freien Szene entwickelt haben. Im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der freien Szene, die sich mehr mit postdramatischen Erzählweisen beschäftigen, sind mir nach wie vor dramatische Geschichten wichtig. Ich will eine klassische Story, ein Drama anhand von Figuren und Konflikten erzählen und dadurch etwas aussagen. Wobei eine klare Grenze zwischen den beiden Bereichen schon lange nicht mehr genau zu ziehen ist. Gleichzeitig arbeite ich gern in kleineren Zusammenhängen, gemeinsam mit Leuten, mit denen ich schon viel gemacht habe und frei an Sachen rumprobieren kann. Ich bin also immer zwischen den Stühlen.

Und was war es, das dich an der Geschichte von Sonny Steele, dem elektrischen Reiter gepackt hat?

Ich bin immer auf der Suche nach Stoffen und Geschichten. Dabei komme ich auf alte Filme. Ich gucke die, weil ich einfach Fan bin und entdecke dort Themen, die heute unter anderen Vorzeichen spannend sind. Ich versuche anhand der Geschichte mehr über dieses heute relevante Thema herauszufinden. Bei Der Elektrische Reiter geht um das große Thema "Freiheit". Sonny Steele lebt in einer Welt, in der er sich unfrei und entfremdet fühlt. Dann gibt es noch Rising Star, ein wertvolles Rennpferd, das ebenso wie Sonny ein Champion ist. Es wird mit Beruhigungsmitteln stillgehalten, damit es die unnatürliche Welt der Werbeshows aushält. Sonny erkennt sich selbst in dem Pferd und befreit es, meint aber eigentlich sich selbst. Ein schönes Bild.

Du sagst, dir ist ein Team aus deinen eigenen Leuten sehr wichtig. Was ist das Besondere an dieser Gruppe und wie habt ihr die Idee für Der Elektrische Reiter umgesetzt?

Meistens suche ich mir für meine Projekte unterschiedliche Leute zusammen. Für dieses Projekt wollte ich die Schauspieler zusammen haben, die sich über die Jahre als Kern der Gruppe herausgebildet haben. Das sind Christopher Weiß und Stephan Möller-Titel, mit denen ich schon viele Projekte gemacht habe. Dazu kommt noch Fritzi Oster, die bei der letzten Produktion dabei war. Dadurch wird das Stück zu einer Herzensangelegenheit.
Gerade sind wir mitten in den Proben. Hier entwickelt sich das ganze Stück. Theater ist im Vergleich zum Film ein eher armes Medium. Das ist aber kein Nachteil. Man ist aufgrund der Begrenzungen gezwungen, eine ganze andere Formensprache zu entwickeln. Wir wollen konkret über den Freiheitsbegriff nachdenken, beschäftigen uns mit Philosophen und Soziologen, deren Gedanken wir einbauen. Was passiert, wenn das Pferd sagt, es will gar nicht in die Freiheit, denn da hätte es nichts mehr zu Essen, nichts zu konsumieren? Unser Experiment ist es außerdem, den Schauspielern eine möglichst große Freiheit auf der Bühne zu geben. Es ist eine sehr anarchische und krude Art zu spielen. Aus dieser Konstellation ergeben sich hoffentlich interessante Situationen.

Unabhängig von den Philosophen, was bedeutet dir Freiheit heute?

Jeder schreibt sich den Begriff der Freiheit auf die Agenda. Wir sehen Freiheit als ein extrem hohes Gut – zu Recht. Allerdings wird der Begriff, von verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich genutzt. Als Beispiel: Donald Trump redet in jedem zweiten Satz von Freiheit. Und das ist nicht die Freiheit, von der Joachim Gauck in jedem zweiten Satz redet in Bezug auf die Veränderung von 1989, oder vielleicht doch? George W. Bush hat gesagt, die Bomben müssen geworfen werden, um den Irakern die Freiheit zu bringen. Der Begriff Freiheit bedarf also einer genaueren Analyse, einer Definition, was derjenige überhaupt damit meint.

Für mich ist Freiheit kein Begriff, den man von der Gesellschaft losgelöst betrachten sollte. Der Film ist da sehr kitschig, amerikanisch, nicht zu Ende gedacht. Das letzte Bild zeigt das in Zeitlupe galoppierende Pferd zu kitschiger Hollywood-Musik, wie in einer Marlboro-Werbung. Es ist ein Abklatsch von einem Bild von Freiheit. Aber das ist nicht das, was wir meinen. Wir stellen uns die Frage, ob alte, linke Positionen wie Gleichheit, Gerechtigkeit nicht wieder wichtiger werden müssten: Ohne Gerechtigkeit in einer Gemeinschaft kann es keine Freiheit für den Einzelnen geben. Ohne funktionierendes „Wir“ kein glückliches „Ich“. Solche Positionen kriegen heute wieder Relevanz.

Du sprachst gerade von Donald Trump. Ist Amerika noch das Land der Freiheit? Ist es das überhaupt je gewesen?

Die Frage ist, ob man die neuen Rechten oder Wirtschaftsliberalen und ihre Idee von Freiheit überhaupt mit einer politisch linken Position zusammen bringen kann. Der Unterschied ist, dass die einen von sich selbst ausgehen. Sie sagen: „Der Stärkere setzt sich durch und jeder muss alle Möglichkeiten haben, sich durchsetzen zu können“. Die anderen sagen: „Es geht um die Gemeinschaft und darum, möglichst vielen Menschen diese Möglichkeiten zu geben“. Der Spruch „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“ funktioniert eben nicht.

Wenn es nicht Amerika ist, gibt es einen Ort, an dem du irgendwann gerne einmal inszenieren würdest?

Meine Arbeit ist ja deutschsprachig und ich fühle mich eigentlich im hiesigen Stadttheater-System auch recht wohl. Ich finde es spannend, auf vorhandene Strukturen und auf Ensembles zu treffen, die schon lange zusammen arbeiten. Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich gern unterschiedliche Angebote von verschiedenen Häusern haben und mal hier, mal dort inszenieren.

Wäre das für dich als Künstler auch der Inbegriff von Freiheit?

Ja, mit der Freiheit ist es schwierig. In meinem eigenen Leben habe ich mich ja auch für Wege entschieden, die meine Freiheit begrenzen. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und fühle mich verantwortlich. Diese Struktur hat höchste Priorität,  aber macht mich in bestimmten Situationen unfrei. Dafür habe ich mich aber frei entschieden. Und am Stadttheater ist es auch so. Natürlich kämpfe ich da für meine künstlerische Freiheit und werde massiv in einem ewigen Kampf – von der ersten Modellberatung über die Bauprobe bis zur Premiere – in meinen künstlerischen Freiheiten begrenzt. Der Weg mit dem Stadttheater bedeutet auch Reglementierung zu ertragen.


DER ELEKTRISCHE REITER
Ein Stück über die Freiheit
Nach dem Film von Sydney Pollack

PREMIERE Donnerstag, 09.06.2016 | 20:15 Uhr
Samstag, 11.06.2016 | 20:15 Uhr
Sonntag, 12.06.2016 | 19:00 Uhr
 
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