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(c) Ute Radler

"Eine bunte Fabel mit politischer Botschaft"

Die Konferenz der Tiere (Regie: Maria Ursprung und Thilo von Quast) nimmt die Zuschauer mit auf eine spielerische Reise. Geleitet werden sie von der Frage, welche Möglichkeiten es gibt, gegen die miserablen Zustände auf der Welt vorzugehen. Im LICHTHOF-Gespräch erzählen Ursprung und von Quast über die Unterschiede zwischen Arbeit im Staatstheater und in der freien Szene, Zwänge der Fabel und die politische Radikalität der Bilderbuchtiere.


LICHTHOF | Wie ist das Team entstanden?

Maria Ursprung | Max Kraft, der Dramaturg, Thilo und ich haben zusammen den Antrag gestellt. Wir haben ja auch zusammen BESUCH am LICHTHOF Theater gemacht. Ute, Thilo, Ilka und ich haben am Thalia Theater auch schon zusammengearbeitet. Max Kraft ist über seine Frau, die ebenfalls am Thalia assistiert hat, in unsere Gang hineingerutscht.

Thilo von Quast | Dass wir uns schon aus anderen Arbeiten kennen hat natürlich einen großen Vorteil: Die Kommunikation fällt einem leichter und geht schneller.

Ursprung | Wir arbeiten in einer ziemlich flachen Hierarchie. Alle arbeiten konzeptionell mit. Wir haben zwar klare Zuständigkeitsbereiche, aber es gibt gemeinsame Beratungen.

LICHTHOF | Ihr wart beide am Thalia?

von Quast | Genau. Wir waren beide Regieassistenten und haben dort auch das erste Mal zusammengearbeitet.

LICHTHOF | Ihr seid erst seit kurzem in den Proben, oder?

Ursprung | Genau. Heute haben wir angefangen, szenisch zu proben. Wir erzählen die KONFERENZ DER TIERE von Erich Kästner für Menschen ab sieben Jahren, eine Formulierung, die wir so bewusst verwenden. Es ist eine Form von politischem Kindertheater. Anhand einer klassischen Fabel, einer bildhaften Geschichte, verhandeln wir ein politisches Thema. Einige Spielteile und Informationen richten sich bewusst an Kinder, andere an Erwachsene. Wie zwei Diskursebenen. Dabei kann unser Anspruch natürlich nicht sein, dass alle rausgehen und sagen „Das war jetzt genau mein Theater.“ Es ist schon für Kinder erzählt. Das Thema geht aber Erwachsene genauso etwas an.

LICHTHOF | Was heißt das für die Probenarbeit? Auf einer Konzeptebene leuchtet mir das ein, aber was bedeutet es beispielsweise für das Schauspiel? Gibt es von eurer Seite ein „Vereinfache das“?

von Quast | Natürlich gibt es Situationen, wo wir, um dem Ganzen eine Richtung zu geben, sagen „Das ist jetzt wie Puppentheater. Und das ist jetzt ein bisschen Sesamstraße.“ Aber dabei geht es dann mehr um einen Gestus, eine Spielenergie oder etwa eine Art sich dem Publikum zuzuwenden.

Die Geschichte von Kästner ist ja, wie jede Fabel, schon eine starke Zuspitzung und eine Vereinfachung. Der Originaltext wurde Ende der 1940er Jahre publiziert und hält ganz einfache Erklärungen für die Welt parat. So teilt der Text die Welt zum Beispiel in arm und reich auf, was dort ganz klare geografische Kategorien sind. Man kann die wirkliche Komplexität solcher Themen in einem Kinderstück sicher nicht im Detail erforschen. Auch wenn wir in der Diskussion um den Text grundsätzlich immer Fragen stellen müssen wie „Kann man das wirklich so sagen?“ oder „Was bedeutet es, für die Haltung, die wir damit gegenüber dem Thema einnehmen?“, versuchen wir die Fabel auf der Bühne das sein zu lassen, was sie ist: Eine Vereinfachung, die etwas Reales deutlich zeigt. Insofern ist es nicht zu aller erst eine Frage, ob wir für Kinder oder für Erwachsene spielen, sondern eine Frage des Textgenres und seiner Funktion. Es heißt nicht, dass wir es uns bei den Proben deshalb einfach machen können. Ganz im Gegenteil. Die Proben an sich sind genauso ernsthaft wie bei einem Stück für Erwachsene. Und die Rollenarbeit der Schauspieler ist, glaube ich, gerade durch die Form der Geschichte eine Herausforderung. Denn den Figuren Leben einzuhauchen, bedeutet ja auch eine Figurenpsychologie zu betreiben. Wobei diese Figuren aber eben eher scherenschnittartig sind. Ihr Handeln wird hauptsächlich durch das Anliegen der Fabel motiviert und nicht durch ihren inneren Antrieb. Für das Nervenkostüm der Protagonisten liefert die Fabel selbst wenig Strickzeug.

Ursprung | Die Probenarbeit verändert sich für mich überhaupt nicht. Ich merke nur, dass ich anders denke. Ich denke für ein anderes Publikum, aber die Probenarbeit bleibt gleich.

von Quast | Ja. Und sich als Erwachsener in Kinder hineinzuversetzen ist dabei schon eine Herausforderung. Wir wollen nicht nur das Thema der Geschichte, sondern auch die Kinder in ihrer Fantasie ernstnehmen. So ist eben das spontane Erfinden und Annehmen einer Fantasiewelt von einem Moment auf den anderen zum Beispiel etwas, das wir uns in dieser Inszenierung besonders zu Eigen machen.

LICHTHOF | Was unterscheidet diese Produktion noch von dem, was ihr gewohnt seid?

von Quast | Da wir nur eine relativ kurze Probenzeit haben, haben wir zum Beispiel die erste Fassung zum Probenbeginn schon sehr viel genauer auf denkbare Spielvorgänge vorbereitet.

Ursprung | Wir geben ein bisschen mehr vor, als wenn wir mehr Zeit mit den Schauspielern hätten.

von Quast | Da wir uns – wie eben gesagt – in den Kosmos kindlicher Fantasie begeben, haben wir sicherlich auch weniger Bauchschmerzen damit, mal etwas ‚mehr’ auf der Bühne zu haben und chaotisch und bunt zu sein. Vielleicht hat es auch ein bisschen damit zu tun, dass wir bei dieser Produktion beide Regie führen. Denn auch dadurch probieren wir natürlich sehr viel mehr Verschiedenes aus. Und der Text ist sprachlich ja auch wirklich so präzise und bildhaft, dass die Fantasie sofort los geht. Wir trauen uns sicherlich mehr auszuprobieren als wir es von Produktionen für Erwachsene gewohnt sind.

Ursprung | Man steht sich weniger selbst im Weg.

von Quast | In einer Inszenierung für Erwachsene würde man – überspitzt gesagt - vielleicht gleich auf der Probe sagen „Das ist zu viel. Das muss man reduzieren. Nimm lieber den schwarzen Anzug und stell dich in kaltem Licht ans Mikrofon.“ Weil man eine starke Form und absolute Klarheit will.

Ursprung | Um einen Kern herauszuschälen.

von Quast | Genau. Bei uns ist es eher das Chaotische, das Bunte. Aber auch das Chaos muss auf der Bühne immer gut organisiert sein. Wir müssen ja sehen, dass wir in klaren Bildern erzählen, welche für die Kinder verschiedener Altersstufen gut nachvollziehbar sind.

LICHTHOF | Gibt es Grenzen, an die man kommt, wenn man altersspezifisches Theater machen möchte? Wann ist es überheblich, Menschen eine bestimmte Differenziertheit nicht zuzutrauen, und an welchem Punkt verlange ich Menschen zu viel ab für einen Abend, sodass am Ende gar nichts irgendwas bedeutet?

von Quast | Das ist sicherlich so. Und ich bin meist eher überrascht, welche Gedanken Kinder so formulieren können. Überheblichkeit ist aber in jedem Falle die falsche Herangehensweise gegenüber seinem eigenen Publikum. Und es stellt sich hier für uns grundlegend die Frage, was man mit einem solchen Text heute eigentlich erzählen will. Will man die Vorgänge in der Geschichte aufklärerisch hinterfragen und sagen „Das ist zu einfach, die Welt ist viel komplexer!“ oder will man lieber im Stile der Fabel erzählen, dass alles eigentlich einfacher sein könnte, man nur die richtigen Leute zusammen kriegen und gemeinsam anpacken muss? Wir haben uns grundsätzlich für das Letztere entschieden. Es ist ja auch nicht realitätsfern zu sagen, dass es eigentlich darum geht, die richtigen Entscheider zu haben. Strippen werden nun einmal irgendwo gezogen und wenn die Sachen nicht laufen, sind zumeist gegenläufige Interessen im Spiel. Die Idee der Tiere, eine Konferenz zu machen, entsteht ja aus der Beobachtung, dass Menschen das ständig tun. Dass sie dort reden und reden aber nie etwas beschließen.

Ursprung | Die Menschen kommen dort zusammen und es entstehen Bilder. Aber kaum Ergebnisse.

von Quast | Und doch scheint das die Form zu sein, auf die die Menschen anspringen. Wenn man Dinge in Akten und Verträgen formuliert, wenn man etwas gemeinsam beschließt und fordert, dann muss es klappen. Die Tiere verlangen also genau diese Formalität von den Menschen. Als sie damit scheitern, radikalisieren sie sich gewissermaßen.

Ursprung | Kästner entscheidet ja aus der Distanz. Er lässt die Tiere sagen „Hört auf mit Krieg. Hört auf mit Grenzen.“ Als Fabel funktioniert das. Wenn wir das theatral erzählen, besteht die Gefahr, dass wir unentschieden wirken, aber uns geht es darum, eben nicht unentschieden zu sein. Nicht nur „Wir wollen nur Fragen stellen...“ Wir wollen den Mut aufbringen, eine Entscheidung zu fällen—

LICHTHOF | Die falsch sein kann.

Ursprung | Die falsch sein kann. Es geht nicht darum, eine Entscheidung auf Lebenszeit zu treffen, sondern darum, sich mit etwas zu befassen und den Mut zu haben, für etwas einzustehen. Das kann natürlich revidiert werden. Aber man darf nicht immer davon auszugehen, jemand anders regele das schon.

von Quast | Unsere Fabeltiere beginnen mit dem Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber dem, was in der Welt geschieht und was sie in der Zeitung lesen. Diese Blase, in der man auch selbst oft steckt. Wenn man jetzt sagt, man könne das nicht so runterbrechen, wie die Tiere es tun, hat das vielleicht auch damit zu tun, dass man sich nicht traut.

Ursprung | Ist halt auch anstrengend...

von Quast | Die Tiere wagen diesen Schritt und sagen „Es muss etwas verändert werden und wir haben eine Idee, wie das gehen kann.“ Ich finde schon, dass da etwas Wahres drin steckt. Man zieht sich zu schnell zurück. Der vielzitierte kleine Mann, der sich von den Politikern und vom Weltgeschehen bestimmt sieht—

Ursprung | „PEGIDA! TERRORISMUS!“

von Quast | Ja, man fühlt sich machtlos. Aber die Geschichte soll vermitteln, dass man nicht machtlos ist. Im Gegenteil: Macht los!

Ursprung | Thilo hat mal gesagt, es sollte für den Zuschauer darum gehen, zu überprüfen, wer die eigenen Bündnispartner sind. Das ist an die Erwachsenen gerichtet. Es gibt zwei Botschaften. Für die Kinder ist die Botschaft: Deine Stimme hat Macht! Deine Stimme ist etwas wert. Wenn du sprichst, wirst du auch gehört. Und für die Erwachsenen ist es: Denk drüber nach, was du zu leben glaubst, und welche Bündnispartner du wirklich hast.

von Quast | Bei der Frage nach Bündnispartnerschaft, denke ich, läuft es im Stück auf eine Botschaft hinaus: Egal mit wem wir uns politisch verbünden, die wichtigsten Bündnispartner sind unsere Kinder. Natürlich kann man aber das Ganze auch auf der politischen Ebene weiterdenken und auf unser Heute übertragen. Bündnispartnerschaft ist ja nun mal ein großer Bestandteil der Weltpolitik und gerade im Augenblick wird zum Beispiel die Rolle Deutschlands auf dem internationalen Parkett – insbesondere von den Deutschen selbst – stark hinterfragt.

Ursprung | Wie pazifistisch ist Deutschland und wie pazifistisch ist es eben nicht? Wieviel Verantwortung soll ein Land übernehmen?

LICHTHOF | Die Frage nach Verantwortung steckt ja schon in der Form, die man für sie wählt. Wieso die wählen die Tiere überhaupt den Modus der Konferenz? Sie lassen sich ja damit—

Ursprung | Auf eine menschliche Ebene ein.

LICHTHOF | Ja, die menschliche Modalität, die sie eigentlich kritisieren wollen.

Ursprung | Die Menschen haben zu dem Zeitpunkt schon die 64. Konferenz abgehalten. Da sagen Tiere „Wir machen eine einzige Konferenz. Es wird die erste und die letzte sein.“

von Quast | Es stimmt schon, Kästners Radikalität unter den Nachwirkungen des 2. Weltkriegs – Uniformen, Waffen, Krieg – wirkt heute anders. Dabei haben sich nur die Überschriften geändert, das Leid ist grundsätzlich in der Welt geblieben. Es ist eine Gratwanderung. Wir wollen die Fabel nicht instrumentalisieren, um ausschließlich von heute zu erzählen. Es ist eine Geschichte von 1949, die so noch immer sehr stark ist.

Ursprung | Ich glaube, die Chance der Geschichte ist, dass es eine bunte, farbige Fabel ist, die total Spaß macht, die viel Humor hat, und gleichzeitig eine deutliche Botschaft hat und Position bezieht. Das soll auch an diesem Theaterabend stattfinden. Und wir versuchen, den Moralinfinger zu vermeiden. Kindertheater und Botschaft birgt immer die Gefahr, dass man den Zeigefinger hochstreckt. Wir sind in großer Hoffnung, dass bei uns kein Finger da ist.

LICHTHOF | Wie übertragt ihr ein Buch, eine Erzählung auf die Bühne?
 
von Quast | Aus einem Kinderbuch ein Theaterstück zu machen, ist natürlich ein Formwechsel, den wir – kurz gesagt – in diesem Falle sogar auch inszenieren. Denn die Fabel selbst geht ja ziemlich unvermittelt los. Eine Exposition der Figuren findet im Eigentlichen nicht statt. Wir haben nach einem anderen Anlass gesucht, um die Geschichte zu erzählen. In unserer Version beschließen die Fabeltiere, dass sie nicht mehr nur Fabeltiere sein wollen, sondern wirklich etwas bewirken möchten. Dazu müssen sie ein Stück weit ihre eigene, sehr klar geregelte Welt verlassen. Und so emanzipieren sie sich gewissermaßen von ihrem eigentlichen Medium, dem Buch und ziehen los: „Wir sind zwar Fabeltiere, aber wir verändern jetzt die Welt.“ Das ist bei uns sozusagen die formale Entsprechung der inhaltlichen Moral der Fabel. Und es ist natürlich auch die Möglichkeit aus der Fabel für einen Augenblick auszusteigen und die Fragen wirklich zu stellen. Politisch zu werden. Das ist eben der Spagat, den wir in diesem Falle versuchen zu machen.

Ursprung | In dem Genre der Fabel werden Dinge grundsätzlich vereinfacht. Für mich ist persönlich zum Beispiel einerseits ganz klar, dass ich eine pazifistische Haltung habe. Gleichzeitig lässt sich diese natürlich differenzieren. Es ist eben nur die Frage, ob und wie eine solche Differenzierung in einer solchen Erzählung stattfinden kann. Trotz der Vereinfachung durch die Fabel ist es ein wichtiges Thema für uns, dass die Welt sehr vielschichtig ist. Und für mich geht es in dieser Geschichte sehr darum, sich eine Meinung zu bilden. Dass es wichtig ist, zu handeln. Dass es wichtig ist, im Diskurs zu stehen, aber auch den Mut zu haben, sich für etwas zu entscheiden. Eine emanzipatorische und demokratische politische Haltung. Unsere Fabeltiere emanzipieren sich, weil sie ein Anliegen haben: Sie sind der Meinung, dass das Weltgeschehen auch Kinder etwas angeht.

von Quast | Und wenn man die Fabel und das Handeln der Tiere beginnt, mit einem relativierenden Blick zu betrachten, ist es schwierig zu sagen, dass durch die Einfälle der Tiere einfach alles besser wird. Ist es denn eine wirkliche Lösung, zu sagen, man nimmt alle Grenzen weg und dann müsst ihr euch nicht mehr drum zanken?

Ursprung | Und man schafft die Waffen ab, dann bekämpft ihr euch nicht mehr. Und man macht keine Bürokratie mehr und hat dann mehr Zeit und Geld für Bildung, Freizeit usw. Es ist simpel erzählt. Aber was würde passieren, wenn wir keine Kriege mehr hätten, wenn es keine Grenzen und keine Staaten mehr gäbe? Das kann man ja gar nicht organisieren. Gibt es dann einen Präsidenten für die ganze Welt? Die Machtfrage stellt sich ganz anders.



KONFERENZ DER TIERE
Premiere Donnerstag, 05. Februar, 10:00 Uhr

Fr, 06.02., 10:00 Uhr
Sa, 07.02., 15:00 Uhr
So, 08.02., 15:00 Uhr
Do, 12.02., 10:00 Uhr
Fr, 13.02., 10:00 Uhr
So, 15.02., 15:00 Uhr

Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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