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Foto (c) Lena Hiebel

"Ein sexuelles Angebot für andere"

Frauen verdienen weniger Geld, kriegen aber mehr Kinder. War das schon immer so und wenn ja, muss es so bleiben? Frauen und Arbeit, Frauen als Mütter, Frauen und Sex. Anlässlich der Premiere von PlusMinus einhundert Jahre am kommenden Freitag, 19. September, hat das LICHTHOF die Regisseurin Nina Mattenklotz zu diesem historisch-utopischen Abend über Liebe, Sex und Ungerechtigkeit befragt:

 
Ihr untersucht weibliche Lebensentwürfe über drei Generationen. Was ist in dieser Zeit geschehen?

Ich möchte dem Zuschauer überlassen, ob es darauf allgemeingültige Antworten geben kann. Wir haben Interviews mit sieben Frauen geführt, die von Mitte der 30er bis Ende der 40er Jahre geboren wurden. Dabei ist auffällig, dass Frauen dieser Generation stark von äußeren Aufgabenstellungen und Erwartungen bestimmt sind: Es gibt ein weniger starkes Ich-Gefühl, wenig Gestaltungsfreiheit und Gestaltungsbewusstsein. Allerdings ist das allgemein schwer zu beurteilen. Eine der sieben Frauen hat einen Lebensweg außerhalb der Gesellschaft gewählt. Eine andere zeigt ein sehr starkes Gestaltungsbewusstsein und hat sich gegen bestimmte Erwartungen entschieden, die an sie gestellt wurden. Sie hat sich sterilisieren lassen und damit deutlich gegen eine Mutterrolle entschieden. Ich glaube aber dennoch, dass wir bis heute das kulturelle Erbe eines Frauenbildes mit uns herumtragen, das Frauen im Haushalt vorsieht, mit Kindern und wenig Erwartungen an die eigene Karriere. Ein Bild, nach dem Frauen ein sexuelles Angebot für andere darstellen – nicht für sich selbst. Auch wenn wir heute damit wohl anders umgehen können, ist dieses Bild immer noch da.


Was gab den Anlass, zu diesem Thema zu arbeiten?

Seit ich vor drei Jahren Mutter geworden bin, versuche ich, Frauenrollen und Frauenbilder in zentraler Konzeption zu einem Theaterabend zu machen. Mehr aus einem persönlichen Anliegen heraus, weniger aus einer aktuellen Debatte, die ich so auch gar nicht wahrnehme. Anlass war also eher eine Anhäufung persönlicher Ereignisse. Mich machen einfach so viele Zuschreibungen an mich als Frau so wütend und ich will nicht bitter werden. Deshalb habe ich versucht meine Gedanken in Theater zu übersetzen, gemeinsam mit diesem fantastischen Ensemble.


Welche Ereignisse sind das?

Zum Beispiel, dass während meiner Schwangerschaft alle davon ausgegangen sind, dass ich für ein Jahr ausfalle. Dass alle Menschen, die mir ein Angebot machen, denken, dass ich nicht hinfahre. Das ist bei Männern nicht der Fall. Denen wird sicher nicht gesagt „Wir würden gerne mit Ihnen arbeiten, wissen aber, dass sie ein Kind haben und das sicher schwierig wird.“


Wie könnte ein feministisches Theater aussehen?

Für mich war es wichtig, dass es drei Frauen sind, die den Abend machen und für sich sprechen. Ich glaube aber nicht, dass diese Thematik mit diesem Abend abgehandelt ist. Es ist ein Thema, das weitergeht. Ein anderer Abend zu einem ähnlichen Thema kann auch von einem gemischten Ensemble gespielt werden, aber wir forschen zu uns, über uns und mit uns. Wir lassen unsere Körper sprechen. Eine weitere Idee von mir ist, mit diesem Ensemble weiterzuarbeiten und alle Klassiker von Faust bis Hamlet zu bearbeiten. Was kann ein Theater unter diesem Aspekt sein? Das ist eine Forschungsaufgabe für mein Gehirn in den nächsten Wochen und Monaten.


Der Stücktitel lautet „PlusMinus einhundert Jahre“ – was ist das für ein „PlusMinus“?

Es sind ungefähr einhundert Jahre, die wir untersuchen, denen wir eine Stimme geben wollen. Unsere Mütter sind Mitte der 30er bis Ende der 40er Jahre geboren. Unsere Kinder werden um 2040 dreißig Jahre alt sein. Und es gibt schon so einen utopischen Wunsch, eine Vorstellung, wie deren Leben dann aussehen kann. An diesem Abend nimmt dies keinen großen Teil in Anspruch, aber es gibt diesen Ausblick darauf, was wir uns für sie wünschen, wenn sie einmal dreißig sind.


Nina Mattenklotz studierte Regie an der Hamburger Theaterakademie und arbeitet an Theatern in Heidelberg, Bremen, Graz, Wien, Magdeburg, Zürich und Stuttgart. Sie ist Preisträgerin des Doctores-Völschau-Preises für Nachwuchsregie 2008 und erhielt den Hamburger Kinder- und Jugendtheaterpreis 2013 für "Jo im roten Kleid". Zudem wurde sie 2014 beim Schauspielschultreffen für ihre Inszenierung von Fassbinders "Katzelmacher" ausgezeichnet. In Hamburg arbeitet sie u.a. mit dem Theater Triebwerk und mit Nino Haratischwili.

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Foto (c) Claudius Strack
 

PLUSMINUS EINHUNDERT JAHRE - Eine Feminismusdebatte über drei Generationen

Regie: Nina Mattenklotz

Premiere Freitag, 19. September, 20:15 Uhr
Sa, 20.09. // So, 21.09. // Fr, 03.10. // Sa, 04.10. // So, 05.10.

Beginn 20:15 Uhr, sonntags 19:00 Uhr

Karten: 15,- € / 10,- € (ermäßigt)
Reservierungen und VVK: 040 855 00 840 // lichthof-theater.de / comfortticket.de
 
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