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Gentrifiction, Uraufführung Donnerstag, 15. Oktober, Foto: Jennifer Wjertzoch

"Die Welt nur noch in Zahlen sehen"


Wie kann etwas so Perfektes wie die Natur etwas so Unfertiges wie den Menschen hervorbringen? In Gentrifiction von Lena Biresch tummeln sich sprachgewitzte Figuren, die trotz ihrer physikalisch-psychologischen Versiertheit das Leben und ihre Umwelt weder beherrschen noch verstehen können. Das mit dem Kaltstart-Jurypreis 2014 ausgezeichnete Drama kommt am Donnerstag, 15. Oktober, in der Inszenierung von Helge Schmidt zur Uraufführung. Rachelle Pouplier traf den Jungregisseur während der Hamburger Theaternacht 2015 im LICHTHOF Theater und sprach mit ihm über seinen ersten Zugriff auf Gentrifiction, Luftballons, und die Hilflosigkeit in einer vertheoretisierten Wirklichkeit.


LICHTHOF | Was genau hat dich an dem Stoff von Gentrifiction so gereizt?

Helge Schmidt | Anfangs habe ich mehr gespürt als verstanden, was mich daran so reizt, da es auch schwer zu sagen ist, worum es eigentlich in dem Stück geht. Es gibt Figuren und die haben auch eine Geschichte. Wobei mir die beim ersten Lesen gar nicht ganz bewusst gewesen ist. Ich fand das Stück lustig und leicht. Es macht Spaß, es zu lesen. Es ist eine Komödie, aber gleichzeitig mehr als das. Es hat viele Punkte, in denen es berührt. Erst mit der tiefergehenden Beschäftigung sind mir diese Schmerzpunkte klar geworden, die ich vorher nur geahnt hatte.

Ich habe den Text über das Kaltstart-Festival 2014 kennengelernt, wo meine Inszenierung Rum und Vodka gezeigt wurde. Lena Biresch hat im selben Jahr mit Gentrifiction im Rahmen des Nachwuchs-Bereichs vorgestellt und den Jury-Preis gewonnen. Dieser Preis bringt immer wertvolle Kontakte. Man guckt, für wen das Stück etwas sein könnte. Die Leute vom Kaltstart fanden, dass es gut zu mir passen würde. Ich habe es gelesen und sofort Bock gekriegt, es zu inszenieren. Lena und ich trafen uns und hatten beide Lust, das Stück auf die Bühne zu bringen. Das LICHTHOF war dafür die richtige Adresse.

Die Figuren sind zwei Wissenschaftler, ein Paar und eine Party-Truppe. Was ist für dich die Verbindung zwischen ihnen? Wie bringst du sie alle in einen zusammenhängenden Kosmos?

Das weiß ich noch nicht (lacht). Aber Lena wollte gern drei unterschiedliche Perspektiven auf den Weltuntergang haben. Eine persönliche aus der Sicht des Paares, den Figuren "Eins" und "Zwei". Man weiß nicht, ob sie Freunde oder ein Liebespaar sind, jedenfalls fechten sie persönliche Probleme miteinander aus: Die eine ist depressiv und der andere glaubt an das Gute im Menschen und daran, dass man in den Tag hinein leben soll. Dann gibt es die Vierergruppe, die außerhalb der Zeit steht, auf Parties geht, über Physik redet, aber auch Gruppenkonflikte diskutiert. Und dann sind da die Wissenschaftler, die mit der Realität eigentlich gar nichts mehr zu tun haben, da sie die Welt nur noch in Zahlen sehen. Es gibt also drei Arten von Weltsicht. Wie wir diese zusammenkriegen – mal gucken.

Glaubst du, dass dieses ein Stück speziell unserer jüngeren Generation ist? Eine Arbeit über das Zurechtkommen in einer immer komplexeren, schnelllebigeren Welt?

Ja, finde ich schon. Das würde ich zumindest antworten, wenn mich jemand fragt, worauf das Stück abzielt. Es geht um uns, die Generation der 30jährigen, vielleicht plusminus zehn Jahre, die alles dekonstruieren kann. Wir haben alle eine Vorstellung von Liebe, von Farbe, von unserer ganzen Umwelt, und wir haben Theorien, mit denen wir diese dekonstruieren. Niemand glaubt mehr an etwas, aber man will es trotzdem haben. Wenn ich irgendein Problem sehe, dann wird es so differenziert, dass das Problem selbst dahinter verschwindet. Aber was helfen die Theorien, wenn ich Familie und Beruf vereinbaren will oder mein Freund depressiv ist? Wie kommt man dann zusammen? Dann hilft einem die Theorie nichts. Dieses Gefühl von Hilflosigkeit und Verlorensein – das ist es worum es für mich geht.

Was wünschst du dir für eine Inszenierung am Ende? Was soll dabei herauskommen?

Es soll eine im besten Sinne fühlbare Tragikomödie werden. Ich möchte, dass es ein Abend wird, der amüsiert, an dem man lacht, der aber gleichzeitig auch Momente hat, in denen man spürt, dass es um mehr geht. Ich glaube, dass in dem Stück sehr viel drin steckt.

Wie kamt ihr auf eure Schauspieler-Konstellation und das Arrangement?

Maria [Wardzinska] kannte ich, genau wie Laura [Uhlig], aus dem Thalia. Das Regie-Team ist aus ehemaligen Thalia-Assistenten zusammengesetzt. Wir haben uns dort am Haus kennengelernt und zusammen gearbeitet. David und Robin habe ich auf Empfehlungen genommen. Es war anfangs gar nicht so klar, dass es nur junge Darsteller werden. Ich hätte auch gern jemand Älteren gehabt, wobei ich glaube, dass die Problematik eher Jüngere betrifft. Außerdem ist die Spielweise, die ich mir vorstelle, eher bei jüngeren Schauspielern zu finden.

Außerdem wird es Live-Musik geben, die Frieder Hepting eigens komponiert. Das werden zwei bis drei Pop-Songs sein, die das Stück jenseits der Spielweise und dem geladenen Text auf einer anderen Ebene fühlbar machen, sodass man sich zurücklehnen kann und jenseits von allem das Stück aufnimmt.

Sind die Ballons auf der Bühne ebenfalls ein Indiz für den Schwebezustand, die Verlorenheit?

Ja. Außerdem hat das Schwebende etwas von Weltraum. Man kann mit ihnen gut Räume herstellen und Dinge darstellen. Man kann mit Ballons Witze machen, den Komödien-Aspekt bedienen. Es gibt auch die Option, sie mit Beamern zu beschießen, sodass man konkret an einen Ort kommt und nicht immer in einem abstrakten Kunstraum ist. Ob wir das machen, weiß ich noch nicht.

Und wie tragisch-komisch ist das Leben als Jung-Regisseur in Hamburg?

Mehr tragisch als komisch (lacht). Nein, ich freue mich total, das hier machen zu können. Es fühlt sich gut an, nicht jedem Rechenschaft ablegen und Kompromisse eingehen zu müssen. Der Vorteil der freien Szene ist ja, dass jegliche Befindlichkeiten ausgeschaltet sind. Die Schauspieler, die dabei sind, haben Bock. Das ist beim Staatstheater ja nicht immer der Fall. Was ich dann danach mache, ist vielleicht der tragischere Aspekt. Ich weiß es noch nicht. Das ist mal bedrohlich und mal nicht.

Gibt es etwas, auf das du dich ganz besonders freust?

Ja, ich habe mich sehr auf diese Theaternacht gefreut, besonders auf die Szenen, die wir hier improvisiert haben. Sie haben auf der Bühne ein ganz anderes Gewicht als am Tisch. Das hat mir ein noch viel größeres Vertrauen in das Stück gegeben. Am Tisch empfand ich die Szenen als sehr kompliziert. Jetzt aber merke ich: Wenn man die Szenen vor Publikum inszeniert, ist bereits sehr viel da. Man muss sich gar nicht mehr so viel zusätzlich ausdenken, wie ich gedacht hatte. Und dann freue ich mich jetzt erst einmal auf die Proben mit dem Team. Ich glaube, es ist gut gecastet und wir werden sehr viel Spaß haben.

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© 2017 LICHTHOF THEATER Hamburg