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(c) Simon Gosselin

"Die Hoffnung auf Veränderung ist naturgemäß enthalten"

In drei Sprachen erzählt das international produzierte No(s) révolution(s) Anekdoten von unterschiedlichen revolutionären Zeiten und Orten. Es entsteht eine "Fiktionsrevolution", die nach und nach real wird: Geräusche von draußen, Aufruhr, Fremdes und Vertrautes zugleich. Der Text ist eine Zusammenarbeit der Hamburger Autorin Ulrike Syha mit dem portugiesischen Autor Mickael de Oliveira, inszeniert wurde No(s) Révolution(s) von der französischen Regisseurin Anne Monfort.

Freitag, 22.01.2016 | 20:15 Uhr
Samstag, 23.01.2016 | 20:15 Uhr

Am 23. Januar lädt der Verein der Freunde und Förderer des LICHTHOF e.V. im Anschluss an die Vorstellung zum Publikumsgespräch ein. Ulrike Syha wird dort ebenso anwesend sein, wie Regisseurin Anne Montfort und einige Schauspieler.

Ulrike Syha wurde mit vielerlei Preisen ausgezeichnet, darunter der Kleist-Förderpreis (2002), der Hamburger Förderpreis für Literatur (2010) und der Robert Gernhardt-Preis (2014). 2015 wurde ihre Kurzgeschichte Jin Mao mit dem vom rbb und Literaturhaus Berlin ausgelobten Walter Serner-Preis prämiert. Dem LICHTHOF hat sie einige Fragen zu Inhalt und Entstehung von No(s) Révolution(s) beantwortet.


LICHTHOF | Was gab den Anstoß für diese Produktion und die internationalen Zusammenarbeit? Wie hat letztere funktioniert?

Ulrike Syha | Die Regisseurin Anne Monfort hat den Anstoß für dieses Projekt gegeben. Sie kannte sowohl mich (sie hatte bereits Texte von mir ins Französische übersetzt) als auch den portugiesischen Autor Mickael de Oliveira.

Sie wollte schon länger mit uns beiden arbeiten und hatte auch schon länger geplant, einen Abend zum Thema „Europa und seine Revolutionen“ zu entwickeln. Außerdem war sie daran interessiert, die Möglichkeiten eines kollektiven Schreibprozesses auszuloten.

Mickael und ich haben uns auf das Projekt eingelassen, obwohl wir einander persönlich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannten. Aber in den letzten zwei Jahren ist ein intensiver Austausch entstanden, bei Vorbereitungstreffen und Probenphasen an den unterschiedlichsten Orten und im engen Gespräch mit Anne Monfort und den beteiligten Schauspielern.

So kann man sagen, dass über die Zeit tatsächlich so etwas wie ein gemeinsamer Text entstanden ist, der auch den unterschiedlichen Positionen und Erfahrungen innerhalb des Ensembles Rechnung trägt.

Wie verbinden sich die französische, die portugiesische und die deutsche Revolution?

Wir haben versucht, den Begriff Revolution möglichst weit zu fassen. Das heißt, es ging uns nicht nur um die Nelkenrevolution oder um die Französische Revolution als die große historische Revolution Europas.
Wir wollten uns auch mit kleineren Bewegungen und allgemeinen revolutionären Typologien befassen und die Frage stellen, ab wann man überhaupt von einer Revolution spricht.

Wir wollten also weniger die spezifischen Elemente der einzelnen historischen Revolutionen herausarbeiten als vielmehr die verbindenden Elemente, das Übergreifende daran. Vielleicht das Zukunftsweisende.

Was machen aktuelle oder nah zurückliegende Revolutionsrealitäten außerhalb Europas mit dieser Produktion?

Sie haben in unserer Arbeit und in den Debatten naturgemäß eine große Rolle gespielt. Dass Europa eben keine „Festung“ oder „Blase“ ist, die sich gegen alle äußeren Einflüsse abschotten kann, dürfte inzwischen so gut wie jeder begriffen haben. Wir können nicht so tun, als hätten Umwälzungen andernorts einfach nichts mit uns zu tun. Denn das haben sie.

Die inhaltliche Klammer unseres Projekts waren aber eben von Anfang an die drei beteiligten Länder. Und die sind – historisch und aktuell – schon unterschiedlich genug. Wir haben das als Ausgangspunkt für unsere theatrale Recherche genommen und dann im nächsten Schritt das Persönliche in etwas Allgemeingültigeres erweitert, das auch Revolutionsrealitäten außerhalb Europas mitdenkt.

Was ist eine "Fiktionsrevolution"?

Wir haben diesen Begriff zur Hilfe genommen, um unsere Arbeitsweise zu beschreiben. Die Tatsache, dass wir zwar von historischen Prozessen ausgehen, es uns aber nicht um eine historisierte Bebilderung dieser Prozesse geht.

Im Gegenteil, wir haben oft bewusst in einzelnen Szenen Elemente aus allen drei Ländern (und dem sogenannten „Außen“) gemischt, sodass dadurch eine fiktionalisierte (aber auch verdichtete) Variante einer Revolution entsteht. Es ging uns nicht um konkrete Verortung, sondern um das Aufspüren von generellen, in allen Revolutionen wiederkehrenden Symptomatiken, Typen und Geschichten.

Liegt in der Revolution noch Hoffnung oder liegt die Hoffnung in der Revolution?

Das generelle Ziel einer Revolution ist ja die Veränderung der bestehenden Umstände. Die Hoffnung auf Veränderung ist in ihr also naturgemäß enthalten. Ob man noch an tatsächliche Veränderung glaubt, ist allerdings schon wieder eine andere Frage. Und wie diese Veränderung genau vonstatten gehen soll.

Nicht unwesentlich ist dabei auch die Frage, ob wir uns bereits in einer prärevolutionären oder gar revolutionären Situation befinden. Auch darauf findet sicher nicht jeder die gleiche Antwort, ob nun in Deutschland, Portugal oder Frankreich.

Ich persönlich denke, es kann erst zu einer wirklichen revolutionären Bewegung kommen, wenn ein Großteil oder gar eine Mehrheit der Bevölkerung eine solche Umwälzung nicht mehr als Möglichkeit, sondern als Notwendigkeit sieht. Das ist meines Erachtens in Deutschland derzeit (noch) nicht gegeben.

Aber – wie gesagt – wir in Europa können globale Umwälzungen nicht länger ignorieren, sie zeigen auch hier ihre Auswirkungen und können das Denken und das Stimmungsbild rapide verändern. Wir befinden uns definitiv an einem Punkt, an dem Entwicklungen in die unterschiedlichsten Richtungen denkbar sind.
Welchen Weg wir einschlagen können und wollen, ist auch eine Frage, die wir mit diesem Abend stellen wollen.
 
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