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Foto (c) Theater Plan B

 

"Bis ins Kleinste ausgearbeitet"

Alter scheint eine Last zu sein – für die Krankenhäuser, die Betriebe und den Steuerzahler. Ohne anhaltende Gesundheit, gute Laune, Willensstärke und Leistungsfähigkeit lässt sich schließlich kein Staat machen. Das gilt nicht zuletzt für das Theater, wo Erscheinungsbild, körperliche und geistige Belastbarkeit so zentral sind wie in kaum einem anderen Beruf. In diesem Metier agiert eine der besten und mutigsten freien Gruppen Hamburgs seit nunmehr 20 Jahren: Theater Plan B. In einem bissigen Selbstversuch wirft sich Theater Plan B mit aufopfernder Hingabe in die Maschinerien der Selbstoptimierung und zeigt MEIN GAMMELFLEISCH - EINE VERFALLSTUDIE. Hierüber hat das LICHTHOF mit Thomas Esser, Hartmut Fiegen, Karl-Heinz Ahlers und Andrea zum Felde gesprochen.



LICHTHOF | Ihr versprecht einen großen Selbstoptimierungsprozess auf der Bühne. Was darf das Publikum an Selbstoptimierung erwarten?

Thomas Esser | Es fängt alles mit Selbsterkenntnis an. Der Abend startet mit einer Jubiläums-Situation: Denn wir arbeiten in der Konstellation jetzt seit 20 Jahren zusammen. Da sind wir also jetzt an einem Punkt, an dem man Bilanz ziehen kann. Wo stehen wir denn eigentlich? Was haben wir geschafft? Wo wollten wir damals gerne stehen? Wo ist unser Platz in der Theaterwelt, in der Off-Theaterszene? Das steht erstmal eine Art Selbstbefragung an, eine Analyse der momentanen Situation. Und dann versuchen wir, besser zu werden.

Um noch mithalten zu können?

Esser | Klar, um mithalten zu können. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, dass man in einer Off-Szene mit Leuten zusammen gestartet ist, die es mittlerweile viel weiter gebracht haben als man selbst. Da denkt man „Hm, okay, die haben es weit gebracht, wir haben es nicht so weit gebracht, woran liegt's denn?“

Die haben mehr Liegestütze gemacht?

Esser | Ich weiß es nicht. Jetzt gar nicht mal so körperlich gedacht: Worauf kommt es an, wenn man in der Theaterszene Erfolg haben will? Auf Netzwerke? Auf das Feuilleton? Auf die richtigen, die hippen Themen zum Beispiel? Wir stellen uns Fragen und machen eine Marktanalyse, wenn man so will. Und von der ausgehend, sehen wir dann weiter.

Um zu gucken, was es braucht.

Esser | Genau, was braucht es denn heute, um erfolgreich zu sein? Welche sind denn die Themen, auf die das Feuilleton heute anspringt? Sollte man die bedienen? Oder vielleicht im Gegenteil: Muss man sich eher selbst treu bleiben, sein Ding durchziehen?

Karl-Heinz Ahlers | Genau, und dazu gehört eben eine Analyse. Eine Analyse auch dessen, was die anderen so machen. Dass man feststellt: die bekannten Gruppen machen ja gar kein Theater mehr, das sind mehr Installationen oder Performances. Wie verkauft sich die Konkurrenz? Dazu untersuchen wir zum Beispiel auch Programmhefte renommierter Off-Festivals: Wie werden denn die heute angesagten Gruppen so angekündigt und vermarktet? Kann man sich selbst auch so verkaufen? Möchte man das überhaupt? Das Ganze geht dann auf den Weg, dass wir uns auch biografisch selbst befragen hinsichtlich der Pläne für die Zukunft usw. Das ist recht authentisch.

Seid ihr denn da ehrlich?

Ahlers/Esser/Andrea zum Felde (gleichzeitig) | Ja.

Das ist ja schnell die Frage: Wieviel von mir ist es zu Beginn und wieviel von mir bleibt es, wenn ich auf der Bühne stehe? Wieviel Projektion kommt vom Publikum und wie gehe ich damit um?

Ahlers | Wichtig in dem Zusammenhang ist noch einmal zu sagen, dass wir den Prozess auch live auf der Bühne zeigen. Den schwierigen Prozess zeigen, wie es ist als freie Theatergruppe zu arbeiten. Dass es eben nicht so ist, wie in einem institutionalisierten Theater, dass da eine Intendanz sitzt, die sagt, wo es lang geht und alle müssen mitmachen. Wir arbeiten ja anders. Deswegen machen wir's ja auch frei. Da gibt es eine ganz andere Art der Mitbestimmung, eine ganz andere interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wir beschreiben auch die Schwierigkeiten, die damit zusammenhängen, dass man sich auch gerne in seinem Erfolgsansinnen selber torpediert, sich selbst im Weg steht.

Esser | Als freier Theatermacher ist man auch verantwortlich – auch ggf. für den Misserfolg, wenn es nicht so läuft, wie es vielleicht laufen könnte oder sollte. Wenn man z.B. im Stadttheater arbeitet, kann man immer andere Leute verantwortlich machen. Die da oben am besten. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir müssen selbst für alles gerade stehen. Und das machen wir in dieser Produktion auch.

Ahlers | Insofern wird die Dramaturgie davon bestimmt, dass es jetzt keine Dramaturgie im Sinne eines klassischen Dramas gibt, sondern eine Dramaturgie der Ereignisse bzw. die Dramaturgie dieses Organigramms, das wir zu Beginn der Performance erstellen (zeigt auf ein großes Schaubild auf der Bühne). Und da gibt es natürlich ständig dramaturgische Höhepunkte (lacht).

Hartmut Fiegen | Das klassische Drama holt uns aber stellenweise auch ein. Es wird nicht bewusst ausgeschlossen.

Esser | So eine Selbstspiegelung, Bilanzierung klingt natürlich auch schnell nach Bitterkeit. So ist es bei uns aber nicht. Wir sind natürlich auch Menschen, die Distanz zu ihrer eigenen Arbeit haben und auch das nötige Augenzwinkern mitbringen. Es wird also keine todernste Abrechnung zu sehen sein. Obwohl es im Erarbeitungsprozess auch viele Schmerzpunkte gab. Weil wir eben ehrlich mit uns waren bei der Selbstbefragung und Analyse. Und dann kommt man schon mal an Punkte, wo man denkt „Au weia, diese Erkenntnis tut jetzt weh.“ Aber letztendlich, bei dem was man letztlich auf der Bühne sieht, wird das Ganze mit viel Spielfreude behandelt. Wir sind eben doch Schauspieler.

Ahlers | Es wird auch ganz klar gesagt, dass Plan B nur ein Teil unserer Arbeit ist. Wir vier sind ja nicht nur diese Gruppe und nicht nur dieses Projekt. Davon kann man ja maximal einen Monat leben oder zwei. Daneben arbeiten wir ja noch in anderen Theaterzusammenhängen. Wir sind an verschiedenen Theatern engagiert, als Regisseur, Musiker oder Schauspieler, das kommt ja noch hinzu - was aber unsere eigene Arbeit immer befruchtet und auch noch mal neu einstellt. Mir geht es dann immer so, dass ich mich, wenn ich zwei Produktionen Stadttheater hinter mir habe, sehr freue, wieder hierher zu kommen und wieder andere Sachen machen zu können. Ohne diese Zwänge eines Stadttheater-Betriebs. Das ist eine feine Sache.

Ich würde gerne noch mal über diese reale Situation sprechen, die ihr für die Bühne ästhetisiert, die jedoch immer real bleibt und sich damit gewissermaßen aufhebt. Ihr verkauft die Tatsache, dass ihr darüber sprecht, wie ihr euch verkaufen müsst. Bei der Theaternacht habt ihr euren Förderantrag vorgelesen – ein mutiges Konzept und subtile Performance. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass dieses Professionelle, Kunstvolle nicht beim gesamten Publikum ankam. Da haben viele – Stichwort 'Gammelfleisch' – zwei ältere Männer in Trainingsanzügen gesehen, die lange brauchten um die Girlande aufzuhängen und ihre Geburtstagsperformance zu organisieren. Seht ihr das als Schwierigkeit oder ist es Teil des Augenzwinkerns und worüber sich das Publikum amüsiert ist egal? Wisst ihr was ich meine?

Fiegen | Nicht ganz, ich dachte zwischendurch, ich wüsste es, aber dann...

Lachen.

Magst du die Frage beantworten, die du dachtest gehört zu haben?

Alle lachen.

Fiegen | Ich dachte, du meinst wir sind in der Darstellungsweise vielleicht gegenüber dem Publikum auf ein bisschen Unverständnis gestoßen. Dass die Leute es nicht einordnen konnten. War es das?

Ja. Ich hatte das Gefühl, einige wussten nicht, was sie gerade sehen – zwei Leute, die schlecht vorbereitet waren und denen nichts anderes eingefallen ist als diesen Antrag vorzulesen, oder zwei sehr abgestimmte, souveräne, erfahrene Performer. Was ist es, worauf ich gerade reagiere? Ich glaube, viele haben darüber gelacht, dass sie nicht wussten, worauf sie eigentlich reagieren.

Esser | Das ist wahrscheinlich eine Unsicherheit, die sich da im Publikum zeigt. Weil wir eine Spielweise haben, die sehr authentisch und sehr auf Understatement angelegt ist. Man sieht also jetzt nicht das klassische Schauspiel. Die Virtuosität liegt dann eher da drin, dass man fast nicht merkt, dass es gespielt ist. Das ist unser Ding. Und das ist für viele Leute überfordernd, die z.B. in so einer Theaternacht vielleicht eine well-made Theater-Revue sehen wollen oder erwarten. Die sind einfach verunsichert, weil sie zum Beispiel nicht wissen, ob das jetzt improvisiert ist, was wir da machen. Das ist bei uns öfter der Fall. Dass Leute fragen: „Ist das jetzt eine Improvisation gewesen?“ Aber das ist tatsächlich bis ins Kleinste ausgearbeitet.

Ahlers | Es war aber auch die Theaternacht, das darf man nicht vergessen. Wir waren auch noch nicht so weit, dass man jetzt eine komplette Szene spielen konnte, wie beispielsweise die Produktion von Nina Mattenklotz. Wir haben eher einen Einblick in unser Thema gegeben.

Fiegen | Es ist ja generell so, dass die Zuschauer sich überlegen müssen „Muss ich das irgendwie einordnen oder nicht oder ist mir das egal? Kann ich das erstmal genießen und bewerte den Abend dann später?“ Wenn man keine geschlossene Dramaturgie hat, hat man einfach häufiger damit zu tun zu tun, dass die Leute natürlich ständig versuchen zu dekodieren und zu dechiffrieren. Wir haben vielleicht eher eine Bereitschaft, musikalisch auf unsere Arbeit zu gucken: Hat das ganze Energie, hat es Spannung? Im Windschatten kann man sich dann auch bestimmte inhaltliche Fragen stellen und beantworten.

Ahlers | Es hat auch ein bisschen was vom Tanz. Beim Tanztheater stellt man sich diese Fragen ja nicht—

Fiegen | Je abstrakter es wird...

Ahlers | Da sind die Leute ja bereit, etwas auf einer anderen Ebene zu erfahren, ohne Text und eine narrativ erzählte Geschichte. Ähnlich gehen wir das auch an. Nicht immer aber immer mal wieder. Es ist ja klar, wenn man selbst ein Stück zu einem Thema erarbeitet, ist es etwas anderes als wenn ein Shakespeare daherkommt, wo alle denken sie würden ihn kennen – tun sie aber meistens auch nicht. Aber man kann es einordnen. „Da geht’s um irgendeinen König, der wird umgebracht und los geht’s!“ Das ist bei uns nicht so, und das erwartet man als Zuschauer unter Umständen nicht. Man möchte das Ganze gerne möglichst schnell einordnen, und das kann man dann auch - aber in anderen Dosen. Man muss sich auf uns einlassen.

Also die Frage wie man 'Verständnis' versteht, was es heißt, ein ästhetisches Erlebnis zu haben. Wenn ich so ein Textverständnis habe, kann ich mir ja auch einen Vortrag anhören.

Ahlers | Es ist schon eine Art von Experimentaltheater, aber wir wollen ja, dass alle etwas damit anfangen können. Es ist nicht für ein Expertenpublikum gedacht. Es gibt immer jemanden, der sagt „Kann ich nichts mit anfangen!“ Das habe ich aber oft auch schon bei anderen Stücken und im Stadt- oder Staatstheater erlebt.

Esser | Natürlich ist das ein selbstreferenzielles Thema. Wir reden übers Theater und über unsere Arbeit als Theatermenschen. Aber wir gehen davon aus und glauben daran, dass da auch andere Leute was mit anfangen können und dass es übertragbar ist. Auf jeden, der sich in irgendwelchen Arbeitsverhältnissen befindet.

Ihr drei seid das Theater Plan B und habt eine Gastspielerin. Spielt in diesem Projekt Gender eine Rolle? Unterscheidet sich das Gammelfleisch je nach Geschlecht?

Esser | Darum war es ja so wichtig, noch eine Schauspielerin an Bord zu holen. Weil das einfach noch eine andere Dimension öffnet. Frauen sind im Schauspielberuf noch mal härteren Zwängen unterworfen als Männer. Das ist uns bewusst und das thematisieren wir auch.

Ahlers | Ich habe mich teilweise an den Film „Work Hard, Play Hard“ erinnert gefühlt, wo es ja um diese schönen neuen Arbeitswelten geht und an die Platitüden, die da gerne mal genannt werden. Da gibt es zum Beispiel den Begriff der Burning Platform - das bedeutet, dass man seinen Angestellten möglichst kurzfristig möglichst viel zu arbeiten gibt, damit die ordentlich burnen. Weil man heute brennen muss für seinen Beruf. Das sind ja so Schlagworte, die heute gerne genannt werden. Ich denke dann: Wo du brennst, kannst du halt auch schnell verbrennen, und das war es dann eben. Das ist ja heutzutage auch gang und gäbe: Wenn der Arbeitnehmer oder der Performer ausgebrannt ist, wird er eben ausgetauscht. Und damit beschäftigen wir uns jetzt hinsichtlich unseres Arbeitslebens. Die Geschlechterrolle formulieren wir dabei nicht explizit aus.

Zum Felde | Nein, ein so großer Bestandteil ist es nicht. Aber ich verkörpere eher die Figur, die von außen drauf schaut. Das ist viel wichtiger. Ich sehe die Dinge noch mal anders als das bestehende Ensemble. Ich kann natürlich auch viel mehr Einfluss nehmen, weil ich auf eine Art vielleicht ehrlicher sein kann.

Esser | Du bist distanzierter.

Zum Felde | Genau, ich bin distanzierter.

Fiegen | Und kannst die Nadel tiefer reinstechen.

Zum Felde | Ich kann Fragen stellen, die ihr euch untereinander vielleicht nicht unbedingt stellen würdet.

Fiegen | Ohne jetzt schon zu viel verraten zu wollen: In unserer Figuren-Konstellation wirst Du von uns Männern tatsächlich nicht wirklich in inneren PlanB-Zirkel integriert, auch wenn dieser Anspruch anfänglich durchaus besteht. Du bist eben der Gast. Aus dieser Position ergeben sich aber auch Chancen auf uns einzuwirken, und die nutzt du.


Theater Plan B // Theater Fata Morgana ist eine freie Theaterformation mit Sitz in Hildesheim und Hamburg. Seit 1990 produzieren Karl-Heinz Ahlers, Thomas Esser und Hartmut Fiegen als Fata Morgana Kindertheater, als Plan B Theater für Erwachsene. Nach UBUMANIA und CLUB DER EINSAMEN HERZEN ist Theater Plan B damit endlich wieder im LICHTHOF Theater zu sehen.
 
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