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AUTOMATEN, Foto (c) Marcus Renner

"Es geht um das Gefühl, nicht den Gewinn"

Es gibt viele Formen des Glücksspiels, doch sind es Automaten, die mehr als alle anderen zur Sucht führen - durch alle sozialen Gruppen hindurch, niemand ist dagegen immun. Was ist dran an (oder drin in) diesen Maschinen? Auf Basis einer umfangreichen Recherche mit Spielern, Spielhallenbetreibern, Psychologen, sowie Vertretern aus Politik und Industrie inszeniert das vielfach ausgezeichnete Kollektiv lunatiks produktion AUTOMATEN – EIN GLÜCKSSPIELABEND. Gespräch mit dem LICHTHOF erzählen Autorin Janette Mickan und Regisseurin Hanna Müller von der Arbeitsweise von lunatiks, automatisierter Psychologie und staatlicher Doppelmoral im Bereich Glücksspiel. Die Fragen stellte Rachelle Pouplier.

Wiederaufnahme:
Freitag, 03.06.2016 | 20:15 Uhr
Samstag, 04.06.2016 | 20:15 Uhr

LICHTHOF | Was war der erste Denkanstoß für Automaten?

Janette Mickan | Durch Zufall hatte ich für eine andere lunatiks Produktion ein Interview mit einem Spielsüchtigen geführt. Seine Geschichte war so beeindruckend, dass ich dachte, man müsse ein eigenes Projekt zu diesem Thema machen. Wir wollten nicht nur das Thema Sucht behandeln, sondern das Ganze weiträumiger umfassen. So kamen wir auf den Titel "Automaten", um die Dimension der automatisierten Gesellschaft zu verdeutlichen.

Wo und wie habt ihr eure Recherche für das Thema betrieben?

Mickan | Recherchiert haben wir hauptsächlich in Hamburg und Berlin, aber auch deutschlandweit. Wir suchten Multiplikatoren und Institutionen, die mit diesem Thema zu tun haben. In diesem Fall war es die Uni Hamburg. Dort gibt es Fachbereiche, die sich mit dem Glücksspiel beschäftigen. Wir wandten uns an Einrichtungen für Selbsthilfe und Suchtberatung. Aber auch im Bereich der Politik und der Automatenindustrie führten wir Gespräche. Experteninterviews sind hilfreich, um sich ein Bild zu verschaffen. Wie funktioniert das System? Im zweiten Schritt suchten wir Biografien von Spielern. Die Boje in Hamburg, eine Institution der Suchtberatung, half uns mit Spielsüchtigen zu sprechen. Wir sprachen auch mit Psychologen, die uns Patienten empfahlen.

Wie habt ihr euch dann künstlerisch dem Thema genähert?

Hanna Müller | Am Anfang steht eine irrsinnige Menge an Material. Man hat einen dicken Ordner mit Interviewtexten, Recherchematerial, Fachliteratur und populärwissenschaftlichen Texten zur Spielsucht. Janette hat den Wust an Material kondensiert. Sie schaute welche Geschichten exemplarisch und welche die wichtigen Aspekte sind. Daraus entwickelte sie teilweise bereits richtige Szenen oder Monologe mit Sachtexten, die von einer Figur gesprochen werden. Das war die Stückfassung, mit der wir in die Proben gegangen sind.

Mickan | Ein wichtiger Schritt ist, mit den Schauspielern das Stück zu lesen. Wir haben viel recherchiert, uns mit den Menschen auseinandergesetzt. Dann gibt es eine lange Pause, in der das Stück erarbeitet wird und dann kommt die Leseperiode. Das Sprechen ist ein wichtiger Teil, in dem uns erste Ideen kommen. Im Laufe der Proben haben wir das Ganze weiterentwickelt. Für Sound und Licht habe ich außerdem niedervolthoudini ins Boot geholt, da ihre Arbeit mit Sound- und Lichtmaschinen in den Kosmos der Automaten ästhetisch besonders gut hinein passt. Gemeinsam haben wir uns alle gefragt, wofür jede Biografie, jedes Gespräch mit den Spielern an diesem Abend stehen kann. Die Figuren müssen die unterschiedlichen Aspekte artikulieren.

Und welche sind diese Aspekte? Was sind für euch die wichtigsten Rechercheergebnisse, die ihr auf die Bühne bringen wollt?

Müller | Das sind die unterschiedlichen Mechanismen von Sucht und was aus dieser resultiert.

Mickan | Wir arbeiten mit verschiedenen Überbegriffen als Thema. Bei einem der Spieler lautet dieser: Flucht. Das ist interessant, da er aus der ehemaligen DDR stammt. Es gibt in seiner Biografie also die Parallele, in der er immer flüchtet. Er will aus diesem Land weg, wird Hochseefischer, geht in Montevideo in ein Casino - in der DDR war Glücksspiel verboten. Er spielt und gewinnt das erste Mal. Dieser Fluchtgedanke zieht sich weiter. Es gibt also immer verschiedene Aspekte der Sucht, die in einer Biografie herausgearbeitet werden.

Müller | Dann gibt es natürlich noch die andere Seite. Es gibt eine Stimme von einem Spielhallenbetreiber, eine Szene mit Croupiers. Da steht interessanterweise Ausblendung im Vordergrund. Die Croupiers verwenden viele Worte darauf, dass sie mit Spielsucht nichts zu tun haben und das Spielen eigentlich nur eine Freizeitbeschäftigung ist wie jede andere und dass es mal passieren kann, dass jemand süchtig wird. Wir versuchen in einer Szene auch der Industrie eine Stimme zu geben, die natürlich Geld damit macht. Die Politik und der Staat - das sind alles Aspekte, die wir versucht haben, mit rein zu bringen, um ein umfassendes Bild des Themas zu geben.

Warum spielt der Mensch?

Müller | Es ist die Natur des Menschen zu spielen. Spielsucht ist schwierig. An sich ist Spielen ja etwas Gutes, etwas worüber wir lernen, worüber wir kommunizieren und forschen. Es sind Gedankenspiele und Phantasie, über die wir uns ausprobieren. Das Theater ist ja auch eine Kultur des Spielens. Das Spiel als solches ist etwas ganz Elementares, Menschliches. Dass es dann kippt in ein krankes Verhalten, ist letzten Endes ein schmaler Grad. Wann ist es krankhaftes Spielverhalten und wann ist es wirklich nur Kompensation von Stress?

Mickan | Perfide wird es in dem Moment, in dem die Automaten ins Spiel kommen. So ein Automatenspiel hat nicht mehr wirklich viel mit Spiel zu tun. Ein Automat ist vorprogrammiert. Es geht darum, dem Spieler das Gefühl zu geben, er hätte das Ganze unter Kontrolle. Da geht es weniger um das Spiel, sondern vielmehr um „Glück haben“. Das hat etwas Automatisiertes.

Was macht das Spielen mit dem Menschen? Was passiert da psychologisch?

Müller | Das sind unterschiedliche Mechanismen, die persönlichkeitsabhängig sind. Es gibt einen Spieler, der das Geld einfach loswerden will. Er ist im Bankenwesen tätig, verdient wahnsinnig viel, hat aber gar keine Beziehung zu dem Geld, das er verdient. Für ihn hat es gar keinen eigenen Wert, sondern ist ein Sinnbild für Anerkennung, die er bekommt. Er will das loswerden, weil es ihn belastet. Geld verdienen um Anerkennung zu bekommen ist nah verbunden mit dem Glücksmoment, der dir am Automaten vorgespielt wird. Es geht nur um ein positives Gefühl für einen kurzen Moment. Andere Spieler wollen Alltagsproblematiken verdrängen.

Mickan | Das ist ein häufiges Motiv, das viele beschreiben: den Alltag ausblenden. Das hat viel mit dem Raum insgesamt zu tun, mit der Automatenhalle. Sie ist konzipiert als zeit- und ortlos. Es herrscht Dunkelheit, gibt keine Uhren. Du kannst völlig eintauchen in diese Welt und bekommst immer Feedback. Das ist auch ein wichtiger Faktor. Amerikanische Psychologen erforschen, in welchen Abständen und in welchen Tonlagen die Bimmelgeräusche ertönen müssen, damit du dran bleibst. Da kann man schon Verschwörungstheorien entwickeln.

Müller | Was ich in dieser Arbeit gelernt habe ist, dass kaum jemand die Motivation hat, viel Geld zu gewinnen. Es geht um andere Mechanismen. Beim Roulette gibt es noch diese Illusion: "Auf einen Schlag bin ich reich". Das liegt an der Atmosphäre und dem Mindestmaß an Strategie. Viele haben sich mit Roulette unglücklich gemacht und alles verloren, denn du kannst es natürlich nicht kontrollieren. Du bist von einer Kugel abhängig, die in einem Kessel rotiert und dann irgendwo liegen bleibt. Die Ausschüttung beim Roulette liegt bei über 97%, das heißt die Spielbanken verdienen am Roulette eigentlich nichts. Verdient wird mit den Automaten. Das sind Logarithmen, die bestimmen, was ausgeschüttet wird. Du kannst gegen den Automaten nicht gewinnen. Psychologisch geht es für den Spieler also darum, das System am laufen zu halten und in dieser Parallelwelt so eine Art von Frieden zu finden. Es ist geht um das Gefühl, nicht um den Gewinn.

Was sagt das Spielen über uns aus? Hat sich mit der Automatisierung des Glückspiels auch die Gesellschaft verändert?

Müller | Schwer zu sagen. Vor der Zeit der Industrialisierung des Glückspiels gab es genauso Spieler, die sich im Karten- oder Roulettespiel verloren haben, genau wie ihr gesamtes Vermögen. Da hat es genauso Leute gegeben, die sich daran bereichert haben. Durch die Automatisierung ist es aber kälter geworden. Der Mechanismus wird stark kontrolliert.

Mickan | Es spiegelt schon eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider. Dadurch, dass der Mittelstand immer mehr verschwindet, verschwinden zum Beispiel auch die kleinen Spielhallen, da die großen Konzerne die Lizenzen bekommen. Da wird extreme Lobbyarbeit betrieben. Die Politik sorgt dafür, dass die großen Spielbanken existieren. Denn sie verdient einfach mehr Geld damit. Die Spielsuchtprävention ist eigentlich eine unglaubliche Doppelmoral. Der Staat verfolgt eigene Interessen. Das ist sehr deutschlandspezifisch. Es gibt andere Länder in denen Automaten verboten sind. Was die individuelle Perspektive anbelangt, ist es auffällig, wie viele Menschen Probleme haben und nach Mechanismen suchen, um möglichst nicht an diesem Leben teil haben zu müssen. Das Spielen bietet eine Möglichkeit. Wenn man sich viel damit beschäftigt, macht es einen traurig. Viele hören erst auf, wenn sie den Ruin erreicht haben. Die wenigsten schaffen früher den Absprung.

Wie viel verdient der Staat am Glücksspiel?

Mickan | Es ist schwer, das zu pauschalisieren. Es gibt einmal die normale Gewerbesteuer und Unternehmenssteuer und dann gibt es die Spielbankabgabe, die nur die Spielbanken zahlen. Unternehmen wie Merkur, einer der größten Automatenhersteller, sind natürlich in ihrer Region ein riesiger Arbeitgeber. Es ist ein Kosmos. Da kann man es schwer auf konkrete Zahlen bringen.

Müller | Eine Zahl, die bei uns genannt ist "in die Milliarden-Beträge", weil so viele unterschiedliche Steuern auf einen Betrieb gehen. 90% des Umsatzes in der Glücksspielindustrie wird teilweise dann an Steuern bezahlt aber es bleibt trotzdem noch so viel übrig, dass es sich immer noch lohnt. Allein Merkur setzt mehrere Milliarden im Jahr um und davon wird ein Großteil versteuert.

Mickan | Mehr als Alkohol und Tabak. Glücksspiel ist das Suchtmittel, an dem am meisten verdient wird und da gibt es auch Verbindungen. Das wird zwar mehrfach dementiert aber Paul Gausemann, der Gründer der Merkur, ist in die Kritik geraten, weil er sehr hohe Parteispenden gemacht hat. Er ist natürlich sehr verbändelt mit der FDP, die eine sehr liberale unternehmensfreundliche Politik vertreten. Da geben sich die ökonomischen Interessensvertreter die Klinke in die Hand.



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